• Mariella Bauer-Hallberg

Die Porzelliner.

036 Dibbern16 6761Luxus-Porzellan. Bernd T. Dibbern produziert seit 37 Jahren erfolgreich Porzellan – und zwar „made in Germany“. Vor allem dank der unbändigen Kreativität des Seniors konnte sich das Familienunternehmen in einer sehr schwierigen Branche behaupten. Nun steht der Generationenwechsel an. Eine Herausforderung.

Schräg fällt die Nachmittagssonne durch die Glasfront, mildes Winterlicht inszeniert die geschwungene Wendeltreppe. Das Haus in Bargteheide, eine halbe Stunde nordöstlich von Hamburg, hat Bernd Dibbern in den 1970er-Jahren selbst entworfen. Kreativität ist bis heute die Triebkraft des 75-jährigen Firmengründers, der mit den grauen Haaren und ebensolcher Brille in puncto Style seinen Söhnen in nichts nachsteht. 

Ben Dibbern, 29-jährig, ist Ökonom mit Berufserfahrung unter anderem bei der Berliner Internetschmiede Rocket Internet. Der Sohn lässt nicht nur beim Sprechen seinem Vater den Vortritt. „Er hat die Firma gegründet, wir kommen erst jetzt“, wird er später dazu sagen. Er ist für Europa zuständig, für Einzel- und Internethandel sowie Personalführung.

Der 32-jährige Bruder Jan, Marketingfachmann und im Hotelfach ausgebildet, macht das internationale Hotelgeschäft. Zum Zeitpunkt des Interviews war Jan Dibbern auf Geschäftsreise in den USA.

Gemeinsam sollen die jungen Dibberns die Geschäfte übernehmen. Wann? In „absehbarer Zeit“, sagt der Senior. „Wir bereiten gerade alles vor, die Jungen arbeiten sich ein.“

Es ist klar, wer hier die Marschrichtung vorgibt. Ben Dibbern nimmt es gelassen. Da scheinen zwei ganz gut miteinander umgehen zu können. „Wir sprechen die gleiche Sprache“, sagt der Sohn. Und sie mögen die gleichen Sachen. Die erste gemeinsame Geschäftsreise habe er als 14-Jähriger mit seinem Vater gemacht. Ein prägendes Erlebnis, durch ganz Europa, Wien, Paris. Das Produkt Porzellan, die Fertigung, die Ästhetik seien für ihn schon immer faszinierend gewesen. „Ich weiß nicht, ob ich mich für die Firma entschieden hätte, wenn wir Schrauben herstellen würden.“

Doch Dibbern produziert ja glücklicherweise Porzellan. So, wie die Fürsten und Könige im 18. und 19. Jahrhundert, die zu dieser Zeit bis heute klingende Namen wie Meissen, Nymphenburg, Fürstenberg, KPM Königliche Porzellan Manufaktur etablierten. Den ersten privaten Hersteller hatte Carlos Magnus Hutschenreuther 1814 in Hohenberg gegründet.

Hutschenreuther gibt es längst nicht mehr. Und auch die großen Namen sind heute meist abhängig von staatlichen Geldern – Meissen beispielsweise gehört dem Land Sachsen, Fürstenberg dem Land Niedersachsen.

Dies illustriert: Eine veränderte Tischkultur, Billigimporte aus Fernost und hohe Personalkosten haben das Geschäft der Porzellanindustrie „made in Germany“ in den letzten Jahrzehnten nachhaltig erschwert. Um in einem derartigen Umfeld überleben zu können, „müssen Sie ein echter Porzelliner“ sein, meint der Firmengründer. Porzelliner ist das historische Wort für Menschen, die selbst schon lange in der Porzellanindustrie arbeiten. Bereits der Großvater, „sein Vorbild“, habe vor dem Zweiten Weltkrieg die Generalvertretung für die Porzellanhersteller Kahla und Arzberg gehabt. „Von der Pike auf“ habe er alles mitbekommen.

Trotzdem wollte Bernd Dibbern zunächst Architekt werden. Auf Wunsch der Eltern machte er dann eine Ausbildung zum Groß- und Einzelhandelskaufmann, Anfang der 1960er-Jahre arbeitete er in New York auf der Fifth Avenue in einem Georg-Jensen-Shop, der auch die Produkte des bekannten dänischen Besteck- und Schmuckdesigners Jensen vertrieb.

Zurück in Deutschland übernahm er die Generalvertretung für skandinavische Labels und das finnische Designhaus Iittala. Nachdem die Nordlichter dann Niederlassungen in Deutschland etablierten, gründete er 31-jährig 1972 selbstbewusst unter eigenem Namen. „Ich wollte nicht deren Angestellter werden. Ich hatte ja schon sieben Jahre lang eigenständig gearbeitet.“ Dibbern vertreibt nun französische Tischwäsche und Bestecke, zugleich designt er eigene Porzellan-, Glas- und Besteckkollektionen. Diese lässt er ausschließlich in Europa produzieren.

1982 wird die Marke Dibbern dann richtig bekannt. Das Porzellan mit dem bunten Rand, Solid Color, markiert den Durchbruch. Vorbild ist das 1930 vom deutschen Gestalter Hermann Gretsch für die Porzellanmanufaktur Arzberg gestaltete Porzellan, das Dibbern „neu einkleidet“. Der farbige Rand in zunächst zwölf Farben, heute sind es über 40, erregt bundesweit Aufsehen. „Nach den Blümchen und dem Barocken war die Zeit einfach reif für eine vollkommen neue Sache.“

Das bunte Solid Color erhält Designpreise, vor allem die Reaktion von Innenarchitekten ist „fantastisch“.

Solid Color wird für Dibbern zu einem Dauerbrenner. Genaue Zahlen? Da wird der verschwiegene Hanseat eine Nuance stiller. Heute jedenfalls liege der jährliche Umsatz der Firma zwischen 18 und 20 Millionen Euro, sagt er. „Nach einem Einbruch im Jahr 2013 folgte ein gutes 2014 und ein noch besseres 2015.“

Maßgeblich an diesem Erfolg ist das in den 1990er-Jahren ebenfalls vom Firmengründer designte und mit Preisen ausgezeichnete Fine Bone China beteiligt. Es unterscheidet sich von herkömmlichem Hartporzellan durch einen hohen Anteil an Knochenasche, was zur Dichte und Festigkeit des Materials beiträgt und dem Endprodukt eine luzide, warme Farbe verleiht. „Wir haben eine prägnante Designsprache geschaffen, eine klare Identität.“

Wenn Dibbern senior wir sagt, meint er eigentlich nur sich selbst. Denn Initialzündungen das Design betreffend kommen bis heute nur von ihm. Die Nachfolge in diesem Bereich? „Ja, das ist ein kleines Problem.“ Doch seien die beiden Porzellanserien Solid Color und Fine Bone China „Langläufer“. Und auch seine Söhne hätten schon ein Auge dafür, ob etwas gut oder schlecht sei.

Der langfristige Erfolg des Unternehmens hat aber nicht nur mit Design zu tun. Ausschlaggebend ist auch die mutige Entscheidung, vom reinen Auftraggeber zum Produzenten zu werden.

Nachdem die Firma Hutschenreuther 1997 das Werk in Hohenberg, in dem auch Dibbern sein Porzellan fertigen ließ, stilllegte, fand der Unternehmer keine Manufaktur mehr, die die gewünschte Qualität liefern konnte. Kurzerhand kaufte er das Werk. Obwohl nicht wenige in der Branche dies für vollkommen verrückt hielten. Ein Werk? In Deutschland? Kann das gutgehen?

„Ich war überzeugt, dass das Material und die Art, wie es hergestellt wird, auch hier eine Zukunft hat.“ Schließlich würden Tassen, Teller und Schalen des Fine Bone China von Hand gedreht und nicht, wie in der industriellen Massenproduktion, gepresst. „Das, was als Fine Bone China aus China, Thailand oder auch Indien kommt, ist nur ein Pulver, ein Granulat, das in eine Maschine gedrückt wird“, ergänzt der Junior. So etwas lasse sich qualitativ nicht mit dem Handgedrehten vergleichen.

Allein: Das Werk in Hohenberg ist vollkommen heruntergekommen, das Dach der Ofenhalle muss neu gedeckt, veraltete Maschinen müssen ersetzt werden. Eine einzige Drehmaschine kostet 250000 Euro. Annähernd zehn Millionen Euro hätten sie in den letzten 18 Jahren investiert, informiert der Firmenchef. Trotzdem habe er seine Entscheidung nie infrage gestellt. „Nein, nie.“ Das kommt schnell und sicher. Wohl auch, weil für Qualität tatsächlich gute Preise bezahlt werden. Ein Teller des Fine Bone China der Linie Pure kostet immerhin 64 Euro, ein flacher Gourmet-Teller der gleichen Linie 60 Euro.

Gut die Hälfte des Umsatzes wird immer noch vom klassischen Einzelhandel „ohne Rabattschlachten“ erwirtschaftet. Doch auch Dibbern spürt natürlich den Wandel der Zeit. Denn die Mittelschicht von heute kauft sich eben keine 50-teilige Aussteuer mehr, sondern sucht ihr Geschirr bei Ikea. Viele der kleinen Händler haben deshalb aufgegeben. Premiumanbieter weichen deshalb verstärkt auf das Geschäft mit Objektkunden wie Airlines, Schifffahrt, Hotels und gehobener Gastronomie aus. Bei Dibbern funktioniert das bisher gut. Speziell dort und in der Hotellerie ist neben der Transparenz und dem filigranen Äußeren eben auch die Widerstandsfähigkeit des Porzellans wichtig. „Die sogenannte Kantenschlagfestigkeit des Dibbern Fine Bone China ist im Vergleich zu aus Granulat gepressten Teilen rund sieben Mal höher.“

Heute bestellen arabische Königsfamilien das edle Handgedrehte für ihre Privat-Airlines. Auf der MS Europa I und II wird von Dibbern gespeist, ebenso im Park Hyatt in New York oder im Fine-Dining-Bereich des Dolder in Zürich. Sonderanfertigungen werden unter anderem für das Hôtel du Cap-Eden-Roc in Südfrankreich gemacht. „Das Projektgeschäft ist ein wichtiger Umsatzträger und lastet das Werk in Hohenberg aus.“ Zudem: Je mehr Hotels, desto vielseitiger sind die Nachaufträge. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel trinke aus Dibbern, schmunzelt der Patriarch. Jüngst sei sie mit seinem Teeservice abgelichtet worden.

Derartige PR ist bei Dibbern allerdings eher zufällig, ungeplant. Sich wie mancher Konkurrent werbewirksam mit Sterneköchen und dem eigenen Porzellan ablichten zu lassen, ist nicht der Stil des Hauses. „Unsere Firmenkommunikation ist zurückhaltend“, erklärt Ben Dibbern, „dank der Verbindungen meines Bruders sind wir sehr gut vernetzt.“

Insbesondere das Porzellan Dibbern Fine Bone China ist weltweit gefragt. Die Expansionsstrategie wollen die Norddeutschen dann auch aus eigenen Mitteln stemmen. „Wir sind ganz privat“, sagt Dibbern senior.

Anfänglich ist zwar die Nürnberger Schmidt-Bank, die auch am Porzellanhersteller Arzberg beteiligt war, mit im Unternehmen gewesen. „Aus den Marken Dibbern und Arzberg wollten die damals eine größere Sache machen.“ Doch bereits Ende der 1990er-Jahre bekam die Schmidt-Bank wirtschaftliche Probleme, ging zunächst in eine Auffanggesellschaft über, 2004 dann an die Commerzbank. Auch die 1881 gegründete Marke Arzberg wurde Opfer der Konsolidierung, ging letztlich 2013 an das Traditionsunternehmen Rosenthal, das selbst bereits seit 2009 zur italienischen Sambonet Group gehört.

Dibbern hatte ebenfalls schon Anfragen von einem großen Mitbewerber, „der sich selbst als BMW bezeichnet und uns als Bentley. Der wollte halt auch mal einen Bentley im Stall haben“, lacht der Senior. Er hätte vielleicht verkauft, wären seine Söhne nicht in die Firma eingestiegen. Doch nun sei er froh, sagt der Gründer, „dass wir alles allein entscheiden können“. Das soll auch so bleiben. Er werde eine Art Aufsichtsratsposition einnehmen und „morgens mal länger Zeitung lesen“. Sie hätten ein gutes Polster, keinerlei Kredite. Zwar gäbe es auch Nächte, „in denen ich denke, wie geht es weiter, aber bisher war es so, dass immer wieder tolle Aufträge kamen.“ Darauf und auf die Kompetenz seiner Söhne setzt er nun. „Die wachsen da rein“, ist er überzeugt. Und wenn Bernd Dibbern von etwas überzeugt ist, dann hat das bisher auch immer funktioniert. ®

Autorin: Mariella Bauer-Hallberg

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