• Klaus Meitinger

„Wenn ich es nicht mache, macht es keiner.“

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Theragnostik. Weltweit sterben elf Millionen Menschen jährlich mit oder an einer Sepsis. Auch Covid-19 führt im schweren Verlauf zum septischen Schock und in der Folge zu Multiorganversagen. Dennoch gelingt es seit 50 Jahren nicht, eine Therapie dagegen zu entwickeln. Andreas Bergmann hat sich dies zur Lebensaufgabe gemacht. Als Wissenschaftler und als Unternehmer. „Besonders wenn die Aufgabe schwierig und komplex ist“, stellte er fest, „kannst du nicht auf andere warten. Dann musst du selbst unternehmerisch tätig werden.“ Deshalb gründet er. Ein ums andere Mal. Nun stehen zwei seiner Firmen – Adrenomed und SphingoTec – vor einem Durchbruch.

Wenn alles so funktioniert, wie Andreas Bergmann es sich vorstellt, wird der Unternehmer aus Henningsdorf bei Berlin in den nächsten Jahren spektakuläre Schlagzeilen produzieren. Weil seine Firmen richtig groß geworden sind. Weil Anleger mit ihren Anteilen hohe Gewinne gemacht haben. Vor allem aber, weil er den septischen Schock behandelbar gemacht und Millionen Menschen das Leben gerettet hat.

„Sepsis ist eine sehr gravierende, häufig tödlich verlaufende Erkrankung. Es handelt sich dabei um eine Entzündungsreaktion des Organismus auf Viren, Bakterien oder Pilze, in deren Verlauf es häufig zum Versagen eines oder mehrerer Organe kommt. 30 bis 50 Prozent der Erkrankten sterben trotz maximalem Einsatz von intensivmedizinischen Maßnahmen“, erklärt Konrad Reinhart, Professor an der Berliner Charité und Vorsitzender der Sepsis-Stiftung. Was nur wenige wissen: Auch Covid-19 ist deshalb so gefährlich, weil es zu einer Sepsis führen kann, die dann auf der Intensivstation behandelt werden muss.

Doch obwohl das Problem seit Jahrzehnten bekannt ist, gibt es bis heute außer der Bekämpfung der auslösenden Infektion und der Intensivtherapie kaum eine Sepsis-spezifische Therapie. „Die Sepsis wird seit Langem als Milliardengrab der Pharmaindustrie bezeichnet. Studie um Studie ist in der Vergangenheit gescheitert. Heute ist das fast eine Art verbrannte Indikation, an die sich die Industrie nicht mehr herantraut“, erklärt Andreas Bergmann, Wissenschaftler und Seriengründer von Unternehmen, die rund um die Sepsis forschen.

Die Schwierigkeit: Es gibt Hunderte von Erregern und Infektionskrankheiten, die zu einer Sepsis führen können. „Die Studien der Vergangenheit fokussierten aber immer auf das eine Medikament, das allen Patienten helfen sollte – one size fits all“, erklärt Reinhart: „Das Ergebnis war dann immer dasselbe. Einem Teil der Patienten nutzte es. Ein anderer nahm Schaden. Und dadurch hob sich das Ergebnis einer Studie auf. Oder das positive Signal war nicht so groß, wie es sein müsste, um die Zulassung eines neuen Medikaments zu rechtfertigen.“

„Deshalb wählten wir bewusst einen ganz anderen Ansatz“, erläutert Bergmann: „Wir suchten zunächst nicht nach einem Medikament, sondern sind einen Schritt zurückgegangen.“ In Zusammenarbeit mit fast 100 akademischen Einrichtungen weltweit startete er im Jahr 2009 ein Programm, um die Frage zu beantworten, warum die Menschen tatsächlich an einer Sepsis versterben. Was ist die genaue, nachweisbare Todesursache? „Unser Ziel war es, den jeweiligen Anlass zu verstehen und nur diesen dann gezielt zu behandeln. Das ist Präzisionsmedizin – alle reden darüber, aber sie wird kaum umgesetzt. Wir wollten diese Idee der Theragnostik – einer Kombination aus Therapie und Diagnostik – konsequent anwenden.“

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Andreas Bergmanns Kampf gegen die Sepsis beginnt vor ziemlich genau 30 Jahren. Gemeinsam mit fünf Kollegen organisiert er den Management-Buy-out der Diagnostiksparte von Henning Berlin. Die Wissenschaftler gründen eine GmbH, finden Finanzierungspartner, einen Wagniskapitalgeber, investieren selbst zehn Millionen Mark Eigenkapital und nennen die Firma B.R.A.H.M.S. Diagnostica. Andreas Bergmann ist das „A“ in der Mitte (über das „B“, Bernd Wegener, den Bergmann heute noch als seinen Ziehvater bezeichnet, hat private wealth schon in der Ausgabe 04/2015 berichtet). 1995 entwickelt die Firma einen innovativen Biomarker zur Früherkennung der Sepsis. Dieser gilt heute als klinischer Standard. 2009 wird B.R.A.H.M.S. für 480 Millionen US-Dollar an den US-Konzern ThermoFisher verkauft. Andreas Bergmanns Anteil liegt bei rund 25 Millionen. Das ist mehr als genug zum Leben für einen, den Vertraute als „Arbeitspferd“ bezeichnen. Vor allem aber ist es die Eintrittskarte dafür, selbst unternehmerisch tätig werden zu können.

„Ich bin ja Wissenschaftler, habe aber erkannt, dass die Universitäten allein nicht in der Lage sind, wirklich Nutzen zu generieren.“ Viele findige Köpfe dort, erzählt Bergmann weiter, hätten innovative Ideen und würden dann darauf warten, dass ein anderer den Ball aufnimmt. „Das ist aber nicht so. Die Pharmaindustrie ist erfahrungsgemäß mit eigenen Projekten beschäftigt. Und wenn das Vorhaben dann noch hoch riskant ist, wird es extrem schwierig. Wir müssen selbst dafür sorgen, dass die Idee in ein Stadium kommt, in dem sich die Industrie dafür interessiert. Und das geht nur, indem wir das Risiko zu Beginn selbst tragen, Unternehmer werden und das jeweilige Projekt vorantreiben.“

Genau das ist der Bergmann-Weg. Mit eigenem Kapital arbeiten, die finanzielle Hilfe der alten Weggefährten aus der B.R.A.H.M.S.-Zeit suchen, Family Offices ansprechen – so hat der gebürtige Berliner mittlerweile schon 15 Firmen gegründet. Und rund 20 Millionen Euro seines eigenen Vermögens investiert. „Voraussetzung ist dabei immer, mit den finanziellen Ressourcen sehr besonnen umzugehen. Wenn ich sehe, dass eine Idee oder ein Konzept nicht richtig funktioniert, füttere ich es nicht weiter. Das meiste Geld geht in unserer Branche dadurch verloren, dass viel zu lange ein fast schon totes Pferd geritten wird. Das soll mir nicht passieren.“ Auch darin unterscheidet sich Bergmann von vielen anderen Gründern. „Ich verdiene meinen Lebensunterhalt mit meinen Projekten. Und kann deshalb unabhängig und ohne Interessenkonflikt agieren“, erklärt er, „wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum ich so lange am Thema Sepsis dranbleiben konnte.“

Nun scheint sich das auszuzahlen. Die erste Gründung – Adrenomed – steht vor einem möglichen Durchbruch. „Vor vier Jahren ist das Programm zum Nachweis der genauen Todesursachen bei einem septischen Schock zu Ende gegangen. Seitdem haben wir richtig Tempo aufgenommen.“

Bergmann und seine Mitstreiter konnten drei wesentliche Gründe identifizieren, die manchmal auch gleichzeitig auftreten. Der erste ist das Nierenversagen. Dies betrifft offenbar ein Viertel der Patienten, die im intensivmedizinischen Bereich versterben.

Der zweite – der größte Block mit 70 Prozent – ist der Verlust der sogenannten Endothel-Funktion. „Das hört sich kompliziert an, ist aber ganz einfach. Das Endothel ist eine hauchdünne Haut. Sie umkleidet die Innenseite unserer Blutgefäße und hält sie wie ein Fahrradschlauch dicht.“ Wird dieses En­dothel durch eine Infektion oder Entzündung beschädigt, beginnt es löchrig zu werden. Dann tritt Flüssigkeit aus dem Blutgefäß, in dem hoher Druck herrscht, in das Gewebe aus, in dem gar kein Druck herrscht.

„Es bilden sich Ödeme, Organe werden in ihrer Funktion beeinträchtigt, Wasser kommt in die Lunge. Genau das ist übrigens die Hauptursache dafür, dass bei schweren Covid-19-Fällen beatmet werden muss. Und letzten Endes fallen die Organe aus.“

Als dritte Todesursache nennt Bergmann akutes Herzversagen. „Es wird durch abgestorbene Zellen verursacht. Man nennt das Nekrose – Zellen gehen kaputt, der Inhalt der Zelle läuft aus. Dadurch kommt ein Verdauungsenzym ins Blut. Und dieses eliminiert ein Hormon, das für die Aufrechterhaltung der Herzfunktion entscheidend ist. Obwohl es kerngesund sein kann, stellt das Herz seine Funktion ein. Es hört einfach auf zu arbeiten.“

Nun erkennt Bergmann auch genau, warum frühere Versuche, ein Sepsis-Medikament zu entwickeln, gar nicht funktionieren konnten. „Ein Mittel, das die Schlauchfunktion verbessert, hilft nicht gegen Herzversagen und umgekehrt. In den Wirksamkeitsstudien, die ja bei allen Sepsis-Patienten durchgeführt werden, konnte so natürlich der Endpunkt – eine signifikante Verringerung der Sterblichkeit – nicht erreicht werden.“ Vor der Medikamentenentwicklung muss deshalb die Suche nach einem zuverlässigen Diagnostikum stehen. „Der Arzt muss verlässlich wissen, um welches Problem es sich handelt. Und er muss es schnell wissen. Denn beim septischen Schock verringert sich die Überlebenswahrscheinlichkeit jede Stunde um sieben Prozent.“

Jetzt sind Andreas Bergmann und sein Team wieder auf vertrautem Terrain. In seiner Firma SphingoTec forscht er seit 2010 an entsprechenden Tests. „Mittlerweile haben wir ein Diagnostikum, das unmittelbar die aktuelle Nierenfunktion anzeigt. Das ist entscheidend für die Behandlung, weil die Verschlechterung bei Nieren sehr schnell gehen kann. Wir haben einen Bluttest, der in der Lage ist, die Schlauchfunktion eines Menschen zu quantifizieren. Und wir können das Enzym nachweisen, das die Funktion des Herzens reduziert.“

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Damit hat der Wissenschaftler die Grundlage gelegt, um nach Therapien zu suchen. „Wir überlegten nun zunächst, an welcher Stelle wir eingreifen können, um die Endothelfunktion zu unterstützen. Oder wiederherzustellen. Um dann einen Antikörper zu entwickeln. Den haben wir gefunden. Er heißt Adrecizumab.“

Bis zu diesem Punkt reichen das eigene Kapital sowie die Unterstützung von vertrauten Geschäftspartnern noch aus. „Doch nun mussten wir an den Patienten gehen, Sicherheit und Verträglichkeit testen, Nebenwirkungen ausschließen.“ Für die erforderlichen Studien sind mehr als 40 Millionen Euro nötig. Bergmann überzeugt zwei Wagnisfinanzierer – HBM aus der Schweiz, die schon bei B.R.A.H.M.S. mit an Bord waren, und Wellington Partners. „Die Gruppe von Andreas Bergmann hatte nicht nur den Auslöser des septischen Schocks identifiziert, sondern auch einen Antikörper gefunden, der innerhalb weniger Stunden wirkt. Ich habe sofort gesehen, dass der Einfluss dieser Entdeckungen auf die gesamte Medizin enorm sein kann. Diesen Zusammenhang aufzuklären ist nobelpreisverdächtig. Und die ökonomischen Perspektiven könnten gewaltig sein“, erklärt Rainer Strohmenger, Partner bei Wellington Partners, warum er sich für ein Engagement entschieden hat.

Die Studienergebnisse machen Mut: Das Medikament ist sicher, gut verträglich, zeigt keinerlei Nebenwirkungen. Und sie schüren die Hoffnung, dass tatsächlich eine Wirksamkeit nachgewiesen werden kann. „Ich kenne die Studie gut“, sagt Konrad Reinhart, „interessant ist, dass Adrecizumab zwar keinen statistisch signifikanten positiven Effekt auf das gesamte Kollektiv aller Patienten hatte, wohl aber auf die Gruppe von Patienten, welche nicht zusätzlich zum Problem mit der Schlauchfunktion das die Herzfunktion reduzierende Enzym hatten. Und dass diejenigen positiv ansprachen, die innerhalb der ersten sechs bis zwölf Stunden nach Auftreten des septischen Schocks behandelt wurden. Das sind wichtige Informationen im Hinblick auf die Auswahl der Patienten für die nächsten Untersuchungen. Ich halte diesen Ansatz für untersuchungs- und verfolgenswert.“

„Die Ergebnisse sind so positiv und stark, dass wir nun tatsächlich mit großer Begeisterung eine Studie vorbereiten, die am Ende zur Marktzulassung führen soll“, macht Bergmann klar. Denn jetzt weiß er genau, was zu tun ist, um die Erfolgschancen seines Medikaments zu optimieren. „Wir werden den Antikörper sehr früh geben und ausschließlich mit Patienten arbeiten, bei denen unsere Bluttests eine unzureichende Endothelfunktion anzeigen und ein Herzproblem ausschließen.“

Der Beginn der Studie ist für Mitte 2022 geplant. Eine Marktzulassung wäre bei einem erfolgreichen Abschluss drei Jahre später zunächst in Europa, kurz danach auch in den USA und in Asien möglich. „Das sind faszinierende Perspektiven“, urteilt Rainer Strohmenger.

Damit es so weit kommen kann, ist Strohmenger allerdings noch einmal als Investor gefragt. „Für diese Studie benötigen wir rund 80 Millionen Euro – allein für Europa. Wir werden deshalb bald eine weitere Kapitalrunde durchführen“, informiert Bergmann. Bei der – normalerweise schwierigen – Suche nach Geldgebern könnte er heute von einer besonderen Gemengelage profitieren. „Covid-19 deckte schonungslos auf, dass wir in den letzten 60 Jahren die Infektionskrankheiten vernachlässigt haben“, erläutert Konrad Reinhart, „deshalb ist das Interesse des Markts an solchen Forschungen nun um ein Vielfaches größer als in der Vergangenheit.“

Tatsächlich kann auch Andreas Bergmann mit einem interessanten Seitenaspekt in Sachen Covid-19 aufwarten. „An der Uniklinik Hamburg wurden sogenannte Heilversuche mit Adrecizumab an acht Corona-Patienten durchgeführt, bei denen keinerlei Aussicht auf Genesung bestand. Sieben haben überlebt.“ Natürlich, schränkt Bergmann gleich ein, sei so ein Heilversuch keine echte Wissenschaft. „Aber die Ergebnisse sind schon bemerkenswert.“

Tatsächlich planen nun Ärzte in Deutschland, weitere Studien durchzuführen. „Sie sind überzeugt, dass dieses Medikament einen großen Teil des Corona-Problems lösen kann. Es wird Covid-19 zwar nicht heilen, aber das eigentliche Problem adressieren – die hohe Sterblichkeit und die Notwendigkeit, auf den Intensivstationen behandelt zu werden. Ende April haben wir sogar eine Förderzusage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung bekommen und bereiten uns nun darauf vor, die ersten Studien kurzfristig durchzuführen und schnellstmöglich abzuschließen.“

Auch dem Herzstillstand ist Bergmann mittlerweile auf der Spur. „Wir entwickeln gerade einen Antikörper, der das verantwortliche Enzym hemmt und die Herzfunktion unmittelbar wiederherstellt. Er heißt Procizumab. Dazu habe ich auch eine Firma gegründet – 4TEEN4 Pharmaceuticals. Im nächsten Jahr werden wir in die ersten klinischen Studien gehen.“

Ganz nebenbei läuft bei Adrenomed noch ein Projekt, das den Nutzen von Adrecizumab bei akuter Herzinsuffizienz zeigen soll. „Wenn zur Herzinsuffizienz eine Schlauch-Fehlfunktion kommt und Wasser in die Lunge gelangt, kann das auch lebensbedrohlich werden. Da liegt es auf der Hand, Adrecizumab bei diesem Problem ebenfalls einzusetzen.“

Es ist atemberaubend, was da in Brandenburg passiert. Nicht nur, was die Medizin angeht, entwickeln sich Bergmanns Unternehmen zu großen Hoffnungsträgern. Auch die ökonomischen Perspektiven sind aufregend.

Bei SphingoTec bringt der Unternehmer mittlerweile ein Testgerät zum Einsatz, das fast so einfach funktioniert wie ein Corona-Schnelltest. „Wir geben Blut auf eine Plastikunterlage, die einer Musik-CD ähnelt. Dann stecken wir diese in ein Lesegerät, und innerhalb von 20 Minuten bekommt der Arzt ein eindeutiges Ergebnis unserer Biomarker zu Nieren-, Schlauch- und Herzfunktion. Und kann nun entscheiden: Kümmere ich mich um die Niere, gebe ich Adrecizumab, gebe ich Procizumab oder beides. Wir könnten so den meisten Patienten im Zusammenhang mit der Sepsis helfen – genau da will ich ja schon lange hin.“

Jeder dieser drei Marker von SphingoTec, hofft Bergmann, könnte langfristig mindestens ein ähnliches ökonomisches Potenzial entwickeln wie der damals von ihm entwickelte Biomarker der B.R.A.H.M.S. – „er macht heute weltweit etwa eine Milliarde Dollar Umsatz“.

Die Ertragschancen bei Adrenomed hängen letztlich davon ab, welcher Preis für eine Behandlung mit Adrecizumab erzielt werden kann und wie viele Patienten die Firma damit versorgen kann. Dafür gibt es heute allerdings nur grobe Anhaltspunkte. Andere Medikamente, die nicht funktioniert haben, so Bergmann, lagen in der Vergangenheit im 10000er-Euro-Bereich pro Anwendung. In Deutschland erleiden jedes Jahr mindestens 50000 Menschen einen septischen Schock, wobei diese Zahl aufgrund der schlechten Dokumentation in unserem Gesundheitssystem wahrscheinlich deutlich zu niedrig gegriffen ist. Weltweit sind mehrere Millionen betroffen. Der Hälfte dieser Menschen könnte im besten Fall mit Adrecizumab geholfen werden. „Selbst wenn wir ganz vorsichtig kalkulieren und riesige Abschläge machen, kommen immer noch fantastische Zahlen heraus“, sagt Bergmann und atmet hörbar durch: „Auch die Pharmawelt sieht das so. Adrecizumab ist ein Blockbuster-Kandidat.“

Um die PS dann auch wirklich auf die Straße bringen zu können, hat Bergmann seine Firma Adrenomed in den letzten Monaten neu aufgestellt. Mit Wolfgang Baiker, ehemals Boehringer Ingelheim USA, konnte ein ausgewiesener Fachmann als CEO gewonnen werden, der extrem gut in der Biopharma­branche vernetzt ist. Und Mirko Scherer, der neue CFO, hat große Erfahrung mit Börsengängen.

Das deutet darauf hin, dass in Bergmanns Plänen auch ein baldiger Börsengang oder ein Lizenzdeal mit Big Pharma eine Rolle spielen könnte. „Zumindest haben wir nun die Managementkapazitäten, die es uns erlauben, die Marktzulassungsstudie für Adrecizumab tatsächlich selbst durchführen zu könnten. Alles andere ist offen. Aber klar – wir bereiten uns vor, handlungsfähig zu sein.“

Für Bergmann selbst würde dies dann auch den ganz großen finanziellen Erfolg bedeuten. „Ach wissen Sie, ich persönlich interessiere mich nicht so sehr für Geld“, winkt der Wissenschaftler und Unternehmer ab.

Er hat – wahrscheinlich – auch ganz einfach keine Zeit, ein Vermögen auszugeben. „Habe ich Ihnen schon von meinem neuen Projekt erzählt? Alzheimer ist ja ebenfalls so eine hoffnungslose Geschichte, an der sich alle die Finger verbrannt haben. Wir haben herausgefunden, dass eine sich langsam entwickelnde Störung der Blut-Hirn-Schranke und der Mangel an einem bestimmten Enzym dafür verantwortlich sind. Es heißt Peptidylglycine α-Amidating Monooxygenase. Wir haben schon einen Bluttest entwickelt und machen uns nun auf die Suche nach einem Medikament. Dafür habe ich PAM Theragnostics gegründet.“ ®

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// How to invest in Andreas Bergmann.

Es gibt zwei Möglichkeiten, sich an den unternehmerischen Aktivitäten von Andreas Bergmann zu beteiligen – direkt oder über ein börsennotiertes Vehikel.

Im Lauf des Jahres plant Bergmann bei Adrenomed, SphingoTec und 4TEEN4 Pharmaceuticals eine Finanzierungsrunde, an der sich vor allem Family Offices beteiligen können. Als Brückenfinanzierung bis zu dieser Runde werden derzeit von den Unternehmen Wandelschuldverschreibungen ab einem Mindestinvestment von 50000 Euro ausgegeben. Die Konditionen sind interessant. Der Convertible wird mit fünf Prozent per annum verzinst und ermöglicht eine Beteiligung an der kommenden Finanzierungsrunde zu einem Discount von 20 Prozent.

Die zweite Möglichkeit ist der Kauf von Anteilen an der börsennotierten DBI – Deutsche Biotech Innovativ AG. Die DBI war ursprünglich von Bernd Wegener, Andreas Bergmann und Metod Miklus – dem BAM von B.R.A.H.M.S. – gegründet worden, um ein breit diversifiziertes Biotech-Vehikel für Investoren zu schaffen und so Gelder für die Weiterentwicklung der vielfältigen Ideen des Triumvirats einzuwerben.

Das hat jedoch nicht so richtig funktioniert, weil interessierte Anleger sich lieber direkt an Adrenomed beteiligten und einige andere Projekte auch nicht vorankamen. Deshalb halten Wegener, Bergmann und Miklus heute noch immer 97 Prozent von DBI. Die Firma selbst ist mit 10,54 Prozent an Adrenomed beteiligt. Sie besitzt 27,27 Prozent an Angiomed – einer Firma, die Antikörper entwickelt, um Tumore vom Blutkreislauf abzukoppeln, 5,38 Prozent an PAM Therapeutics sowie Anteile von weniger als einem Prozent an 4TEEN4 Pharmaceuticals und SphingoTec. Aktuell ist die DBI mit einem Marktwert von rund 90 Millionen Euro allerdings hoch bewertet.

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// „Wir leben in einem Traumtänzerland.“

„Das ist verrückt“, überlegt Professor Konrad Reinhart, Vorstandsvorsitzender der Sepsis-Stiftung, „an jeder Bushaltestelle wird über sexuell übertragbare Krankheiten aufgeklärt. Nur über die Sepsis weiß niemand Bescheid. Dabei sind wahrscheinlich in Deutschland, wie in den USA, mindestens 500 Menschen pro 100000 Einwohner im Jahr betroffen.“

Dies zu ändern, ist Reinharts Mission. In erster Linie bedeutet das, über die Krankheit aufzuklären. „Sepsis kann jeden treffen. Es ist die Nummer eins der vermeidbaren Todesursachen weltweit. In Deutschland sterben jährlich 75000 Menschen mit oder an einer Sepsis. Darunter sind mehrere Hundert Neugeborene, Kinder und Jugendliche. Bis zu 75 Prozent der Sepsisüberlebenden leiden an Langzeitfolgen. 15000 bis 20000 Todesfälle wären allein durch Früherkennung, die Behandlung als Notfall und die Einhaltung von Hygieneregeln sowie durch die Befolgung der Impfempfehlungen vermeidbar.“

Dass wir das als Gesellschaft einfach so hinnehmen, meint Reinhart, sei ein Skandal. Die Sepsis-Stiftung organisiert deshalb Kampagnen, macht Druck auf der politischen Ebene und möchte erreichen, dass – wie zum Beispiel im Staat New York – bereits in den Schulen über Infektionskrankheiten und Sepsis informiert wird. „Nur rund 20 Prozent der Infektionen treten in Zusammenhang mit der Krankenhausbehandlung auf. 80 Prozent kommen schon mit einer Sepsis ins Krankenhaus. Deshalb muss die Bevölkerung die Frühsymptome kennen, um sie bei Verdacht auf eine Infektion schnell abklären zu lassen – Verwirrtheit, Kurzatmigkeit, Herzrasen, Fieber, Schüttelfrost, Schwitzen und feuchte Haut.“

Außerdem fordert Reinhart, dass Krankenhäuser zu bestimmten Maßnahmen bei Sepsisverdacht verpflichtet werden – „sofort Blutkulturen anlegen, Antibiotika geben, Flüssigkeit zuführen“. Allein dadurch sei in den USA die Sterblichkeit binnen fünf Jahren von 30 auf 20 Prozent gesunken. „Die Jahrzehnte währende Behauptung der jeweiligen Gesundheitsminister jeder politischer Couleur, ,Deutschland hat eines der besten Gesundheitssysteme der Welt‘, gehört zu den Lebenslügen dieser Republik. Derzeit kommt Sepsis noch nicht einmal in der jährlichen  Gesundheitsberichtserstattung des Bundes vor. Von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wurde sie 2021 erstmals erwähnt. Wir glaubten, wir hätten die Infektionskrankheiten besiegt. Jetzt holen sie uns mit aller Macht ein. Dagegen müssen wir etwas tun.“

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Autor: Klaus Meitinger

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