• Gerd Hübner

Mia elektrisiert.

Fox e aufmacherStart-up. Der Schweizer Unternehmer Andreas Kratzer will die Firma Fox e-mobility zum ersten reinen E-Fahrzeugunternehmen in Europa machen. Ein ambitioniertes Ziel, denn der Markt ist umkämpft. Um sich durchzusetzen, braucht Kratzer Investoren, die an seine Vision glauben.

„Ich habe“, sagt Andreas Kratzer, „in meinem Leben schon einige Unternehmungen hinter mir. Die Sache mit Mia könnte mein letztes großes Abenteuer sein. Deshalb darf sie nicht als Reinfall enden.“ Der 60-jährige Unternehmer hat ein großes Ziel: Er will dem Elektrofahrzeug Mia 2.0 im zunehmend umkämpften Markt der E-Mobilität zum Durchbruch verhelfen. Gegen Tesla, gegen chinesische Wettbewerber und gegen die anderen großen, etablierten Autokonzerne. Ein echtes Wagnis.

„Ich denke, dass wir zwei große Vorteile haben“, sagt Kratzer. „Zum einen fokussieren wir uns mit Mia auf das Kleinwagensegment, wo es auf absehbare Zeit weniger Konkurrenz geben wird. Und zum anderen haben wir einen gewaltigen Entwicklungsvorsprung.“

Das hat mit der Geschichte von Mia zu tun. Denn die beginnt eigentlich schon vor mehr als zehn Jahren. Genauer mit dem aus dem Saarland stammenden Pharmaunternehmer Edwin Kohl. Er hatte damals die Idee, ein Elektroauto zu entwickeln, und gründete dafür im Juni 2010 in Frankreich die Firma Mia Electric. Für die Umsetzung holt er sich Murat Günak, zuvor Leiter der Designabteilung bei Volkswagen.

Die beiden sind tatsächlich ein kongeniales Team. „Sie haben durch die zentrale Sitzposition des Fahrers, den Einsatz von Schiebetüren und die Verwendung sehr leichter Materialien ein effizientes Mobilitätskonzept mit einer sehr guten Energiebilanz geschaffen. Das war visionär.“ Doch reif war der Markt damals noch nicht. „Vor zehn Jahren gab es keine Ladeinfrastruktur, keine Fördermittel, und die Batterien waren zehn Mal so teuer wie heute.“ Entsprechend blieb die Nachfrage nach Mia überschaubar.

Obwohl er eine komplette Produktion finanziell stemmen musste und Monat für Monat riesige Verluste machte, hielt Edwin Kohl lange an seinem Traum fest. Bis Februar 2013 waren allerdings gerade einmal rund 1500 Fahrzeuge verkauft worden. Damit lag die Firma weit unter Plan. Deshalb entschloss sich Kohl 2013, seine Anteile an der Firma an eine Investorengruppe zu verkaufen, die wiederum die gesamte bisherige Entwicklung mit allen Patenten, Prototypen und Ersatzteilen in die Fox Automotive Switzerland einbrachte.

Dort parkte Mia und wartete, bis einer den Elektromotor erneut startet.

Dass dies Andreas Kratzer sein könnte, ahnt der Schweizer auch selbst zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Der studierte Ökonom war Berater bei Ernst & Young, spezialisiert auf Unternehmensfinanzierung, Private Equity und M&A-Transaktionen und hatte 2003 mit Partnern die Schweizer Finanzboutique Azemos Partner AG gegründet. „Das war ein spannender Schritt in die Selbstständigkeit.“ Kratzers Job war es, sich um das Vermögen wohlhabender Kunden zu kümmern und Immobilienportfolios aufzubauen.

Im Jahr 2009, mitten in der Finanzkrise, steigt er bei Azemos aus. „Damals wollte eine Schweizer Industriegruppe ihre Produktion in Osteuropa aufbauen, und ich sollte das organisieren“, erzählt er. Das funktioniert. Doch später wird aus dem Traumjob ein Albtraum. 2016 tritt der Mehrheitsaktionär und CEO des Unternehmens nach Ermittlungen der Zürcher Staatsanwaltschaft wegen möglicher Vermögensdelikte zurück.

Plötzlich ist Kratzer selbst als CEO verantwortlich für die Firma. „Eigentlich war die Insolvenz damals schon unausweichlich, aber ich hatte Investoren, die mir vertrauten und ihr Kapital zurückwollten. Außerdem hatte ich versprochen, die daran hängenden Arbeitsplätze zu retten.“

Für Andreas Kratzer beginnt eine harte und anstrengende Zeit. Es gelingt, Teile der Firma zu veräußern, viele Arbeitsplätze zu retten und den Investoren zumindest teilweise ihr Geld zurückzugeben. Anfang 2018 wird über die Gruppe dann der Konkurs eröffnet.

Nun entscheidet sich Kratzer, zusammen mit seinem Sohn sein eigenes Family Office, die Across Advisory GmbH, zu gründen, um Unternehmer und Projekte langfristig zu betreuen. So kommt er mit Fox Automotive Switzerland in Verbindung. „Eigentlich hatte ich mir nur ein paar Aktien an dem Unternehmen gekauft und quasi von der Seitenlinie aus beobachtet. Doch irgendwann haben sie mich gefragt, wie sie mit Mia weiter verfahren sollen.“

Im Jahr 2017 beginnt er, sich näher mit dem Thema zu beschäftigen. Und findet es so interessant, dass er vom Coach zum CEO wird. „Zum einen denke ich, dass das Thema Nachhaltigkeit und Elektromobilität sehr wichtig ist, zum anderen gibt es ein paar spannende Aspekte bei Mia, die helfen können, dass wir das tatsächlich hinkriegen. Um ein solches Fahrzeug auf die Straße zu bringen, sind zum Beispiel Investitionen in Höhe von 300 bis 350 Millionen Euro nötig. Rund 150 Millionen Euro davon waren aber ja schon erbracht worden.“ Auch lag bereits eine sogenannte Homologation vor. Mia 1.0 besaß eine Straßenzulassung und durfte sofort in Großserie gebaut werden. „Das spart Entwicklungskosten und Zeit.“

Entsprechend ambitioniert ist der Zeitplan. Schon 2023 soll das Elektroauto in Serie produziert und auf die Straße gebracht werden. Normalerweise dauert eine solche Entwicklung fünf Jahre. Bis dahin ist noch viel zu tun. „Zum Beispiel kommen laufend neue rechtliche Anforderungen, die wir berück­sichtigen müssen“, erläutert Kratzer. „Zudem – und dafür haben wir wieder Murat Günak engagiert – wollen wir eine Art Facelift bei dem Fahrzeug durchführen, das Design verbessern und an die heutigen Anforderungen anpassen.“

Doch vor allem braucht es Kapital. Den verbleibenden Investitionsbedarf taxiert Kratzer insgesamt inklusive der Anlaufverluste auf etwa 160 Millionen Euro. Etwa die Hälfte davon soll über Fremdkapital aufgenommen werden – über Kredite und über die Emission sogenannter Green Bonds. Letzteres ist möglich, weil die Erlöse schließlich in ein grünes Projekt fließen, das zum Ziel hat, die CO2-Emissionen zu senken.

Für die andere Hälfte braucht die Firma Eigenkapital. Deshalb wird Ende 2020 die börsennotierte Hülle der Catinum AG übernommen, in Fox e-mobility AG umbenannt und die Fox Automotive Switzerland dann in die AG eingebracht. „Dieser Weg hat uns einen zeitintensiven und kostspieligen Börsengang erspart und bietet uns nun die Möglichkeit, über Kapitalerhöhungen einen Teil des benötigten Geldes einzusammeln“, erklärt Kratzer, der selbst rund fünf Prozent an dem neuen Unternehmen hält. Zu Beginn dieses Jahres wurde eine erste kleine Kapitalerhöhung durchgeführt – zwei Millionen Euro, um die laufenden Kosten zu decken. Dann folgte die Emission einer Wandelschuldverschreibung. Weitere Kapitalmaßnahmen sollen, nein, müssen folgen.

Andreas Kratzer, der seine Funktion als CEO Mitte 2020 an Philippe Perret abgegeben hat, und seine Vorstandskollegen, zu denen erfahrene Manager aus dem Automobilbereich und dem Sektor der erneuerbaren Energie zählen, müssen neue Investoren finden und dafür sorgen, dass die alten weiter mitziehen. Deshalb wird er nicht müde, die positiven Perspektiven von „Mia reloaded“ zu skizzieren.

„Der wichtigste Punkt ist: Anders als vor zehn Jahren ist nun die Zeit reif für Elektromobilität.“ Tatsächlich boomt der Markt für Elektrofahrzeuge. Der weltweite Absatz kletterte im Pandemiejahr 2020 um rund eine Million auf 3,24 Millionen. Dabei nimmt gerade in Europa das Thema Fahrt auf. Schätzungen der Boston Consulting Group zufolge soll auf dem alten Kontinent im Jahr 2030 gut jedes vierte neue Fahrzeug nur mit Batterie betrieben sein. Angesichts von rund zwölf Millionen verkauften Fahrzeugen in Europa im vergangenen Jahr wären das 2030 drei Millionen Elektroautos.

„Die Pandemie hat dafür gesorgt, dass das Umweltbewusstsein vieler Menschen zugenommen hat. Plötzlich sind die Themen Mobilität, Transport – wie kommt jemand von A nach B – sowie die eigene CO2-Bilanz in den Vordergrund gerückt.“

Dabei hat Mia offenbar gute Karten. Sie zeichnet aus, dass über 95 Prozent der verbauten Teile wiederverwertet werden können. Das verbessert den CO2-Fußabdruck über die Lebensdauer, der bei Stromern immer wieder in die Kritik gerät. Zudem ist das Auto ein Kleinwagen, konzipiert für den Stadtverkehr, und so leicht, dass eine kleine und leichte Batterie mit 25 kWh Leistung genug für eine Reichweite von 200 Kilometern ist. Und nicht zuletzt soll das Auto ab 16000 Euro inklusive Mehrwertsteuer erhältlich sein. „Damit haben wir in diesem Marktsegment kaum Konkurrenz. Und weil die Gewinnmargen bei kleinen Fahrzeugen vergleichsweise gering sind, werden wohl auch nicht viele neue Wettbewerber den Markteintritt versuchen.“

Was wie ein Vorteil klingt, ist allerdings auch eine Bürde. Weil das Management nur mit einer Bruttomarge von rund fünf Prozent pro verkauftem Fahrzeug kalkuliert, muss das Unternehmen sehr schlank produzieren. Dabei könnte eine interessante Veränderung der vergangenen Jahre helfen. „Wegen der Absatzprobleme, die einige große Autobauer 2018 und 2019 hatten, haben viele von ihnen die Produktion von Auftragsproduzenten wie VDL Netcar und Valmet Automotive wieder ins eigene Werk zurückgeholt.“

Die Folge: Dort sind nun Kapazitäten frei. „Da solche Partner über viel Know-how und eine sehr gute Qualitätssicherung verfügen, haben wir uns entschlossen, nicht selbst eine teure Produktion aufzubauen, sondern diese auszulagern.“ Es wird Varianten und Zubehör geben, wobei die Macher der Mia bei den Fahrzeugteilen auf qualitativ hochwertige Standardkomponenten aus der Zulieferindustrie setzen.

Eine andere Bedrohung könnten alternative Antriebstechniken wie Wasserstoff darstellen. „Ob Elektromobilität die Lösung für immer ist, weiß ich natürlich auch nicht“, räumt Andreas Kratzer ein. „Aber ich weiß, dass es für Wasserstoff keine ausreichende Lade­Infrastruktur gibt und wir hier noch sehr weit von konkurrenzfähigen Preisen entfernt sind.“

Für Mia haben er und seine Kollegen das einmal genauer durchgerechnet: Mit Wasserstoffantrieb wäre der Preis derzeit mehr als doppelt so hoch. Der Vorteil der größeren Reichweite einer – allerdings viel schwereren – Wasserstoffbatterie komme ohnehin vor allem Bussen oder Lkw zugute. „Bei uns steht der urbane Verkehr im Fokus, bei dem ein Fahrer im Schnitt vielleicht 50 oder 60 Kilometer maximal am Tag zurücklegt.“

Neben Privatpersonen zählt Kratzer auch das Kleingewerbe wie Handwerksbetriebe zu potenziellen Käufern. „Da ist das Auto ein wichtiger Kostenfaktor. Und da Elektrofahrzeuge fast keinen Verschleiß haben, ist der Unterhalt sehr günstig. Außerdem hat die Mia 2.0 sehr viel Platz für den Transport und kommt deshalb auch für Logistikfirmen infrage, die in viele Innenstädte gar nicht mehr reinkönnen. Dies könnte die Lösung für die letzte Meile sein.“

Im Jahr 2023, wenn die Produktion startet, sollen etwa 50000 Stück verkauft werden, danach jeweils 100000 Stück pro Jahr. Schafft es die Firma, nur die Hälfte dieses Plans zu realisieren, läge der Umsatz bei einem Verkaufspreis von 16000 Euro schon 2024 weit über rund 800 Millionen Euro. Analystenschätzungen zufolge würde der Gewinn vor Steuern dann bei rund 40 Millionen Euro liegen. Dazu kämen zwei weitere potenzielle Einnahmequellen. Erstens könnte das Auto in anderen Regionen der Welt, in den USA oder in Japan, lizenziert werden. Und zweitens bekommt die Firma für jedes verkaufte Fahrzeug CO2-Emissionszertifikate, da Elektroautos als emissionsfrei gelten.

Wie interessant dieses Geschäft ist, zeigt der Fall Fiat Chrysler. Der Autokonzern kauft Tesla bis 2022 CO2-Gutschriften im Wert von rund 1,8 Milliarden Euro ab, um den sonst drohenden Strafzahlungen der EU zu entgehen. Tesla wiederum erreichte so im letzten Jahr erstmals die Gewinnzone. „Wenn wir so 500 bis 1000 Euro pro Fahrzeug erzielen, könnte die Bruttomarge auf zehn Prozent steigen“, überlegt Andreas Kratzer und schließt: „Mia wäre dann ein ziemlich erfolgreiches Geschäft und der krönende Abschluss meines Berufslebens.“ ®

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// How to invest in Mia.

Zum Börsenstart schnellte der Aktienkurs von Fox e-mobility zunächst steil bis auf 4,38 Euro nach oben. Mittlerweile ist die anfängliche Euphorie verschwunden. Mitte Mai notierte die Aktie nur noch bei 1,00 Euro.

Im Frühjahr wurde eine kleine Kapitalerhöhung durchgeführt, bei der die Organe der Gesellschaft Anteile für zwei Euro pro Aktie gezeichnet haben. Ende April vereinbarte das Unternehmen mit dem Londoner Asset Manager Atlas Capital Markets (ACM) eine Wachstumsfinanzierung. Sie sieht die Emission einer Pflicht-Wandelanleihe in Höhe von 25 Millionen Euro vor. Fox kann diese Summe in den kommenden drei Jahren abrufen, wobei der Investor die Wandelanleihe in Aktien umwandeln muss. Zusätzlich wurde vereinbart, dass ACM noch das Recht hat, bis Ende 2022 in einem Umfang von 30 Prozent der gewandelten Aktien weitere Anteilsscheine der Firma zu 2,50 Euro zu beziehen. Allerdings muss er die Option nicht ziehen.

Diese Konstruktion hat allerdings einen Schönheitsfehler. Der Wandlungspreis je Aktie beträgt 95 Prozent des Marktpreises an den fünf aufeinanderfolgenden Handelstagen vor Abgabe einer Ausübungserklärung durch Fox.

Es besteht deshalb ein Anreiz für ACM, den Aktienkurs der Firma im relevanten Zeitraum zu drücken, um möglichst günstig an die Anteile zu kommen. Weil dies den Kurs der vergleichsweise marktengen Aktie nun für längere Zeit belasten dürfte, kam der Deal auch bei Investoren nicht gut an. Nach Ankündigung sackte die Notierung deutlich ab.

Für risikobereite Anleger mit langem Atem könnte diese Konstruktion allerdings auch eine Gelegenheit sein. Wie ACM können sie ebenfalls zu günstigen Konditionen investieren. Immerhin wird Fox derzeit nur mit rund 77 Millionen Euro bewertet. Dieses Niveau liegt deutlich unter den Entwicklungskosten, die in das Vorgängerfahrzeug gesteckten wurden.

Natürlich bleiben Fragen: Kann das Fahrzeug auf neue Technologien adaptiert werden? Wird es in der Nische einen Markt finden? Kann ein renommierter Produktionspartner gefunden werden? Und vor allem: Findet Fox e-mobility Investoren, die bereit sind, noch mindestens eine größere Kapitalerhöhung mitzugehen?

Es lohnt sich für Investoren auf jeden Fall, den Titel (ISIN: DE000A2NB551) im Auge zu behalten. Funktioniert Andreas Kratzers Plan, kann sich der Kurs vervielfachen. Schlimmstenfalls ist aber auch der Totalverlust möglich.

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Autor: Gerd Hübner

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