• Mariella Bauer-Hallberg

Stroh zu Gold.

028 Team Landpack pwVerpackung. Die Welt droht an ihrem Müll zu ersticken. Allein in Deutschland fallen 1,4 Millionen Tonnen Verpackungskunst­stoffe an – jedes Jahr. Kunststoffe bilden in den Ozeanen gewaltige Müllstrudel. Müllkippen sind eine Gefahr für das Grundwasser. Und bei der ­Verbrennung entstehen Abgase. Für findige Start-ups ist das eine Chance. Sie suchen nach der ökologischen Alternative.

Was da auf dem Konferenztisch des Münchner Start-ups Landpack liegt, sieht wirklich wenig spektakulär aus. Strohhalme, gepresst, umhüllt von einer mit kleinsten Löchern perforierten Plastikfolie. Dies soll die ökologische Antwort auf die Isolierverpackung Styropor sein? „Ja klar“, sagt die Jungunternehmerin Patricia Eschenlohr und lacht, „wir waren selbst erstaunt, dass vor uns noch niemand auf diese Idee gekommen ist.“ 

 Tatsächlich ist es nicht so einfach, Styropor zu ersetzen. Denn Styropor hat Vorteile. Es ist nur „verpackte Luft“, wie die Styropor-Hersteller nicht müde werden zu betonen. Und ein geringer Anteil Kunststoff, der sich auf ein 50-Faches seines eigenen Volumens ausdehnt. Zudem hat Styropor dämmende und isolierende Eigenschaften. „Doch der sogenannte Primärenergiebedarf von Styropor ist gigantisch“, sagt Thomas Maier-Eschenlohr. „Denn nicht nur das Material ist erdölbasiert, sondern auch die Verbrennungsprozesse zur Herstellung, und zudem ist Styropor schwierig zu recyceln.“

Eher zufällig waren die 34-jährige Kulturwirtin und ihr Mann, ein 35-jähriger Ingenieur, in die Strohgeschichte gestolpert. Die Eltern des Gründers – selbst Landwirte – wollten Fisch, Fleisch und Milcherzeugnisse kostengünstig, gekühlt und umweltfreundlich versenden. „Für uns war es ein immenser Widerspruch, derart hochwertige Lebensmittel in einer minderwertigen Kunststoffverpackung zu versenden“, erzählt Eschenlohr, „also begannen wir zu experimentieren.“ Mit aufblasbaren Folien, die Luftkammern enthielten. Oder mit Stärkeschäumen.

Doch nichts erfüllte ihre Vorgaben. Der verwendete Rohstoff sollte natürlich vor allem nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stehen. Aber das Produkt sollte auch noch klimaneutral produziert werden können, recycelbar sein, die gleiche Isolierfähigkeit besitzen wie Styropor – und trotzdem nicht mehr kosten.

„Das schien wie die Quadratur des Kreises“, erinnert sich Thomas Maier-Eschenlohr: „Eine Isolierverpackung aus pflanzlichen Naturfasern, die auch nur annähernd so leistungsfähig wie Styropor ist, gab es nicht.“

Doch dann entdeckten die beiden Stroh. „Gäbe es Stroh nicht schon – es müsste erfunden werden“, erklärt der Ingenieur enthusiastisch. Stroh habe eine echte Hightech-Struktur, es dämme und sei zudem feuchtigkeitsregulierend. Und: Stroh ist als Abfallprodukt in rauen Mengen sehr kostengünstig verfügbar. Nach einer Studie des Münchner Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung könnte über ein Drittel der insgesamt 30 Millionen Tonnen Stroh, die jährlich in Deutschland anfallen, nachhaltig genutzt werden.

Die größte Herausforderung war es, das Stroh in eine „stabile Form“ zu bringen. Denn Stroh – so wie es auf dem Konferenztisch liegt – hat zwar eine stabile Form, die weder von chemischen Zusatzstoffen oder Bindemitteln wie Latex zusammengehalten wird. Doch es bleibt nicht von allein stabil. „Wer in einen Strohhaufen steigt, verursacht eine Delle“, illustriert der Unternehmer. Steige er wieder herunter, nehme der Haufen die alte Form wieder an. Erst eine besondere Art des Pressens mache die gesamte Platte druckstabil, „Sie könnten mit dem Auto drüberfahren und nichts würde passiert“, sagt Maier-Eschenlohr. Doch würden einzelne Strohhalme herausgezogen, fiele irgendwann die gesamte Platte auseinander. „Das ist wie bei einem Pullover, aus dem einzelne Fäden gezogen werden.“

Die preisliche Konkurrenzfähigkeit ihres Produkts ergebe sich auch daraus, dass keine teuren Klebstoffe verwendet werden müssen, und die ökologische Alternative durch die Möglichkeit, das Stroh im Biomüll zu entsorgen oder als Einstreu für Tiere zu verwenden.

Ende 2013 setzten die beiden alles auf diese Karte, kündigten ihre Angestelltenjobs und gründeten Landpack. Mit einem Prototyp der heutigen Landbox – einem Karton aus gepressten Strohplatten und mit Wasser befüllten Kühlelementen – suchten sie den Kontakt zu E-Food-Versendern. „Als Branchenfremden waren uns deren Feedback und Anregungen besonders wichtig.“

Noch steckt der Onlinehandel mit Lebensmitteln zwar in den Kinderschuhen. Doch eine Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young prognostiziert E-Food-Händlern goldene Zeiten. So sollen die Deutschen bis 2020 ihre Ausgaben für E-Food von derzeit 0,8 Milliarden Euro auf rund 20 Milliarden steigern.

Das Feedback ist für die Gründer „extrem ermutigend“. „Für viele Online­versender ist ein grünes Image von strategisch wichtiger Bedeutung. Das lässt sich schon daran erkennen, dass das Thema meist direkt bei der Geschäftsführung aufgehängt ist“, erklärt Eschenlohr. Die Hersteller nehmen dabei ganz offensichtlich das Umdenken der Verbraucher auf. Rund 36 Prozent der Online-Shopper würden regelmäßig auf diesem Weg auch Lebensmittel bestellen, wenn sie in umweltfreundlichen Verpa­ckungen und mit wenig Verpackungsmüll geliefert würden, zeigt eine aktuelle Studie des Kölner IFH-Instituts für Handelsforschung.

Preislich orientiert sich die Stroh-Alternative an Styropor. Doch die Ökobilanz ist nach Angaben der Gründer wesentlich besser: So betrage der Energiebedarf zur Herstellung einer Landbox nur rund ein Fünfzigstel dessen, was eine vergleichbare Styroporbox benötige.

„Dass die Bilanz tatsächlich zugunsten der Strohverpackung geht“, kann sich auch Gerhard Kotschik, Experte im Bundesumweltamt, vorstellen. Eine genaue Einschätzung mag er allerdings mit Verweis auf die Komplexität der Berechnungen nicht geben. „Auch Mehrwegverpackungen könnten eine gute Bilanz haben“, gibt der Experte zu bedenken. Für Landpack kommt aus hygienischen Gründen eine Mehrfachverwendung nicht infrage. „Eine effiziente Reinigung des Strohs wäre ein riesiger, auch unter Energiegesichtspunkten zu großer Aufwand“, sagt Eschenlohr.

Die Gründer setzen also auf Einweg. Das Stroh soll in die Biotonne, die Kunststofffolien müssen noch getrennt entsorgt werden. „Im Sommer dieses Jahres wollen wir auch eine voll kompostierbare Landbox-Version auf den Markt bringen.“

Auf das Produkt Landbox sowie die Methode der Strohverarbeitung haben die beiden weltweit ein Patent angemeldet. Das allerdings sei nur der erste und rückblickend der einfache Schritt gewesen. „Da Produkt und Prozess ganz neu waren, mussten wir auch die Produktionsanlagen selbst entwickeln. Anderthalb Jahre, bis Juni 2015, hieß es dann alles oder nichts“, erläutert Maier-Eschenlohr. „Entweder der vollautomatische Herstellungsprozess klappt – oder eben nicht.“ Hätte er nicht funktioniert, wären nicht nur rund zwei Jahre Arbeit vergebens gewesen. Das Ehepaar hatte bis zu diesem Zeitpunkt einen mittleren sechsstelligen Betrag investiert. „Bis auf eine BayTOU-Förderung des bayerischen Wirtschaftsministeriums war alles privates Kapital und Bankkredite.“

Doch die Anlage läuft. Im August 2015 beginnt bei Landpack die Produktion. Auf der Branchenmesse Fachpack im September 2015 wird die Landbox am Stand des Kooperationspartners Klingele, einem der führenden deutschen Wellpappe-Unternehmen, präsentiert. Seitdem wächst das Unternehmen kontinuierlich.

Mittlerweile hat Landpack 20 Angestellte. „Hunderte Anfragen“ gebe es für die Styropor-Alternative, die bei entsprechender Dämmung sogar eine besonders lange Kühldauer von bis zu 65 Stunden verspricht. Zu den Interessenten gehören der Onlineversender Genusshandwerker, der Münchner Feinkosthändler Käfer und auch die Bio-Supermarktkette Basic. Auch die Andechser Molkerei Scheitz verschickt ihre Onlineware nun auf Stroh.

„Doch das ist erst der Anfang“, hofft Maier-Eschenlohr, „die Anwendungsmöglichkeiten der Landbox sind ja nicht auf Lebensmittel beschränkt. Prinzipiell lassen sich alle Waren, selbst Elektronikartikel oder zerbrechliche Gegenstände, mit der Landbox versenden.“

In den nächsten Monaten wollen die Gründer den deutschen Markt aufbauen. „Es geht darum, die Kapazitäten auszuweiten und neue Produktionsanlagen zu etablieren.“ Denn die Nachfrage übersteige derzeit bei Weitem die Produktionsmöglichkeiten.

Und dann? Patricia Eschenlohr war 2015 als Gewinnerin eines Mentoring-Programms des HVB-Frauenbeirats beim German Accelerator im kalifornischen Palo Alto zu Gast. Innovativen deutscher Unternehmen soll in diesem Rahmen beim Eintritt auf den amerikanischen Markt geholfen werden.

„Ich war ziemlich erstaunt, wie aufgeschlossen Investoren und Händler dort heute schon einer ökologischen Verpa­ckung gegenüberstanden.“ Vielleicht haben die Landpacker ja tatsächlich eine Methode gefunden, um aus Stroh Gold zu machen.  ®

Autorin: Mariella Bauer-Hallberg

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