• Jörg Zipprick

Gegen den Sturm.

Hastings Howard Hastings 3 2Gegen den Sturm.

Unternehmertum. Howard Hastings gilt als Nordirlands erfolgreichster Hotelier. Jahrzehntelang hat die Familiendynastie unter der angespannten politischen Lage gelitten. Doch sie gab nie auf. Jetzt erntet sie die Früchte.

Es waren schwierige Zeiten, vor 23 Jahren in Nordirland: „Morgens erhielt ich die Nachricht, dass eines meiner Hotels ausgebombt worden war“, erzählt Howard Hastings. „Eine Krisensitzung jagte die andere. Am Nachmittag klingelte das Telefon dann schon wieder. In einem weiteren Hotel war eine Bombe hochgegangen. Ich fuhr sofort vorbei, um die Schäden zu begutachten – zum Glück waren keine Menschen verletzt worden.“

Hastings, 53, rückt die Brille zurecht. „Die Bombe hatte das Gebäude beschädigt, fremde Menschen räumten gerade das Haus aus, besonders beliebt war die Bar, ihr Mobiliar, ihre Schnapsflaschen. Das war ehrlich gesagt ein ziemlich deprimierender Anblick. Gegen 23 Uhr ging ich zu Bett, da klingelte das Telefon wieder. Mein Herz raste, ich hatte jetzt wirklich Angst, es sei noch etwas passiert. Langsam tasteten sich meine Finger zum Telefon vor. Am anderen Ende der Leitung war glücklicherweise nur der Fensterputzer, der noch schnell eine finanzielle Frage klären wollte.“

An diesem Tag im Jahr 1992 überlegte sich Howard Hastings tatsächlich, ob sich das Aufstehen am nächsten Morgen noch lohnt. Sein Vater William hatte das Familienunternehmen seit den 1940er-Jahren aufgebaut, Bars und Hotels gekauft und verkauft. Doch drei Jahrzehnte „troubles“ zwischen irisch-nationalis­tischen Katholiken und englisch- oder schottischstämmigen Protestanten hatten das Geschäft schleichend vergiftet. Ferien im Bürgerkriegsgebiet ­– dafür gab es keine Kunden.

Um es vorwegzunehmen: Natürlich steht Howard Hastings am nächsten Tag auf und krempelt, im übertragenen Sinn, die Ärmel hoch. „Nicht aufgeben, gute Erinnerungen festhalten und schlechte in einer Box verstecken, auch daran ist ein echter Unternehmer zu erkennen. Und manchmal liegt in schlechten Nachrichten auch die Chance auf einen Neuanfang.“

Tatsächlich hätte es den Hotelier Hastings und sein Familienunternehmen ohne die spezielle Situation Nordirlands und die späteren „troubles“ in der heutigen Form vielleicht gar nicht gegeben. Großvater Hastings besaß einst vier einfache Arbeiterkneipen. Er verstarb jung, 1940, sein Sohn William war damals gerade erst 17 Jahre alt. Während der schwierigen Kriegsjahre bauen William und sein älterer Bruder Roy das Geschäft aus, erweitern ihr kleines Reich auf neun Kneipen.

Dann stirbt Roy überraschend an einem Nierenleiden. „Für meinen Vater war das ein Schock“, erzählt Howard Hastings: „Es war eine jener Krankheiten, die sich heute mit einer simplen Spritze heilen ließen.“

Mit 25 Jahren muss William Hastings sich jetzt allein durchschlagen. Er setzt auf eine neue Idee: Lounge Bars. Die sind zu dieser Zeit schon kein reiner Arbeitertreffpunkt mehr, werden gern von Vereinen genutzt, und – Innovation! – es ist inzwischen sozial akzeptiert, dass Damen und Herren sich gemeinsam in einer solchen Bar aufhalten.

Im Jahr 1958 investierte William 100000 Britische Pfund in weitere Bars. Das sind nach damaligem Wechselkurs fast 1,2 Millionen Mark.

Und weil Nordirland mit seinen 13843 Quadratkilometer nicht riesig ist, avanciert William Hastings mit seinen nun 18 Bars schnell zu einer Größe im Geschäft mit Spirituosen. Bars benötigen allerdings naturgemäß einen stetigen Zustrom von Hochprozentigem – also kauft William eine Abfüllanlage. Selbstversorger will er werden, doch das Geschäft entwickelt sich bald in Richtung Großhandel.

„Mein Vater folgte damals keiner bestimmten Strategie“, erinnert sich Howard Hastings heute: „Die Zeiten waren schwer. Gab es Gelegenheiten zum Geldverdienen, wurden diese selbstverständlich genutzt.“

Zu den vielen Geschäftsideen, die William erprobt, gehörte auch das Catering am Flughafen Nutt’s Corner, dem     > Vorgänger des Belfast International Airport. Die neue Cateringgesellschaft Hamilton & Hastings diversifiziert rasch ihre Aktivitäten, kauft das Peveril Hotel in Douglas und least das Grand Island Hotel in Ramsey. „Bars sind nun einmal Bars“, lacht Howard Hastings „Mein Vater fand es, sagen wir mal, sozial akzeptabler, jetzt Hotelier zu sein.“

Nun beginnt William Hastings, Hotels zu sammeln: das Stormont, das Adair Arms in Ballymena „zum Kaufpreis von 30000 Pfund“, das Culloden und Ballygally Castle, ein burgartiges Hotel aus dem 17. Jahrhundert, in dem es angeblich spuken soll.

Im Jahr 1970 erwirtschaftet die Familie schon einen Umsatz von gut 1,6 Millionen Pfund, umgerechnet waren das damals 14 Millionen Mark. Der Gewinn beträgt knapp 100000 Pfund. Immerhin 35 Prozent davon stammen aus den verschiedenen Hotels.

Inzwischen jedoch hatte eine gesellschaftliche und politische Entwicklung eingesetzt, die selbst wirklich visionäre Unternehmer nicht in ihre Planung einbeziehen konnten. Die Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und den wohlhabenderen Protestanten eskalierte. Vermeintliche und tatsächliche Kränkungen, Zurücksetzungen und Benachteiligungen mündeten in Gewalt.

Zum Beispiel hatten damals Katholiken auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt viel schlechtere Chancen. Und auch das Wahlrecht war weit vom Grundsatz „One man, one vote“ entfernt. Wahlberechtigt waren nur der Mieter, also der Haushaltsvorstand einer Familie, und der Hausbesitzer. Mehr waren auf politischer Ebene nicht erwünscht.

Viele mögen den Beginn der „troubles“ damals noch für eines der üblichen Scharmützel gehalten haben, die immer wieder aufgeflammt waren, seit 1609 britischen und schottischen Farmern Land zugesprochen wurde, das die Krone kurzerhand von einheimischen Iren konfisziert hatte. Doch der schwelende Konflikt entwickelt sich nun zügig zu einem echten Brandherd.

Bald kommt es zu Kämpfen zwischen der IRA (Irish Republican Army) und der britischen Armee, zu Bombenanschlägen, die auch die Zivilbevölkerung nicht immer verschonen. „Im Jahr 1969 hatte es noch eine Million Touristen nach Nordirland gezogen“, resümiert Howard Hastings. „Knapp zwei Jahre später waren es nur noch 400000.“

Ausgerechnet in dieser Situation verkauft und vermietet William Hastings seine Bars, um sich ganz auf das Hotelgeschäft zu konzentrieren. Sein Sohn Howard erklärt die Entscheidung folgendermaßen: „Die 1970er-Jahre waren eine harte Zeit. Aber, so kurios es klingt, das Leben ging auch während der ,troubles‘ weiter. Mein Vater setzte ganz auf den ,domestic market‘, den nordirischen Markt. Hochzeitsgesellschaften zum Beispiel brachten regelmäßig guten Umsatz.“

William Hastings kauft antizyklisch, erwirbt 1971 gleich sechs Hotels von der Ulster Transport Authority für 440000 Pfund – damals 3,75 Millionen Mark. Doch eines der Hastings-Häuser, das City Hotel in Derry, wird ausgebombt, ein weiteres, das Great Northern in Rostrevor, brennt aus. William Hastings entscheidet 1990, weiter in die Qualität zu investieren, sich aber zu konzentrieren: Nur noch vier Sterne-Häuser will er leiten – Hotels, die auch nach der Renovierung hohen Ansprüchen nicht genügen können, werden abgestoßen.

Es ist die erste Entscheidung, an der Howard Hastings, inzwischen als „Operations Director“ im väterlichen Betrieb tätig, aktiv beteiligt ist. Jura hatte er an der University of Nottingham studiert, bevor er als Buchhalter bei Peat Marwick (heute KPMG) anfing und später zu Volvo in London wechselte. „Ursprünglich war mein Einstieg nicht geplant. Ich wollte mir schließlich selbst einen Namen machen und mich nicht im elterlichen Betrieb einmauern. Dann erlitt mein Vater 1989 eine Herzattacke und musste sich einer nicht ganz ungefährlichen Operation unterziehen. Da sagte er mir: ,Wenn du jemals daran gedacht hast, nach Nordirland zurückzukehren … Jetzt wäre kein schlechter Zeitpunkt dafür.‘“

Howard kehrt zurück und kümmert sich fortan um die kleinen und großen Probleme der Gruppe. Das Slieve Donard Hotel in Newcastle wird zum Beispiel gleich viermal ausgebombt. „Wir nannten es die ,Titanic‘ – auch die wurde in Nordirland konstruiert. Und mit etwas Galgenhumor sagten wir, wenn das absäuft, nimmt es die Gruppe mit sich.“

Im Jahr 1994 steht ein großes Hotel mit Geschichte zum Verkauf – das Europa in Belfast, oder was davon übrig war. Nicht weniger als 28 Anschläge hatten ihm damals zum Titel des meistausgebombten Hotels aller Zeiten verholfen. William Hastings, vom vierfachen Herzbypass genesen, und sein Sohn Howard sind die Einzigen, die die erforderliche Summe von etwa fünf Millionen Pfund (damals 12,4 Millionen Mark) aufbringen können und wollen. Kurz darauf verkündete die IRA eine unbefristete Waffenruhe.

„Natürlich zogen die Immobilienpreise nun an“, erklärt Howard Hastings. „Prompt begannen Neider zu tuscheln, wir hätten diese stattliche Immobilie ja im Grunde zum Spottpreis erworben. Keiner versetzte sich in die Situation von damals zurück.“

Drei Jahre später erwirbt die Hastings-Gruppe 50 Prozent an Merrion Hotel Venture in Dublin. Selbst der Börsencrash in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends kann die Familie Hastings nicht erschüttern: „Ehrlich gesagt: Da hatten wir schon Schlimmeres erlebt. Das Pfund war schwach im Vergleich zum Euro, Kunden vom Kontinent kauften ihre Weihnachtsgeschenke hier in Nordirland oder ließen sich zum güns­tigen Preis die Zähne richten.“

Heute wird das Immobilienvermögen der Familie Hastings auf 100 Millionen Britische Pfund (141,6 Millionen Euro) geschätzt. Doch Howard Hastings winkt ab: „So etwas rechnen wir nicht jedes Jahr aus. Wir wollen ja kein Hotel verkaufen. Unser Jahresumsatz beträgt etwa 40 Millionen Pfund (rund 56 Millionen Euro). Und für 2015 rechnen wir mit einem Wachstum von sechs Prozent.“

Im Juli 2015 kauft er für 6,5 Millionen Pfund ein weiteres Hotel, das Windsor House. Damit besitzt die Familie nun wieder sechs Hotels. „Sie dürfen unsere Beteiligung an Merrion nicht vergessen, dann sind es schon sieben“, lacht Howard Hastings. Das Wachstum komme aber nicht nur durch eine größere Anzahl von Häusern. „Unser Erfolgsgeheimnis ist ganz einfach: organisches Wachstum. Als wir das Stormont     > Hotel kauften, verfügte es über zehn Zimmer. Heute sind es mehr als 100. Wir pflegen unsere Hotels, renovieren sie und passen sie dem Bedarf an.“

So kurios es klingt, auch die Unruhen trugen indirekt zum Erfolg bei. „Wir haben in Nordirland drei Jahrzehnte lang ohne große Einflüsse von außen existiert. Internationale Hotelketten gab es genauso wenig wie etwa nationale Supermarktketten. Wir waren ein kleiner Markt mit hohem Risiko und für die Betriebswirtschaftler der Großunternehmen deshalb nicht interessant.“

Diesen kleinen Markt möchte Howard Hastings künftig vergrößern. Nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere. Seit einigen Jahren ist er Chairman des Tourism NI Board, also gewissermaßen Vorsitzender der Tourismusbehörde. „Tourismus ist für unsere Wirtschaft wichtiger als Agrikultur oder Fischerei und erwirtschaftet 5,2 Prozent des nordirischen Bruttoinlandsprodukts. Diese Wachstumsraten werden so schnell von keinem anderen Industriezweig erreicht.“

Damit der positive Trend anhält, braucht man auf dem heiß umkämpften internationalen Tourismusmarkt eine unverwechselbare Identität. Als Unternehmer zeigt Hastings selbst, wie das funktionieren kann: Van Morrison gibt Konzerte in den Hastings-Hotels, in allen Restaurants werden lokale Erzeugnisse verarbeitet. „Wir haben uns ein Netz kleiner lokaler Zulieferer aufgebaut. Egal, was unsere Gäste morgens, mittags oder abends wählen – wir können ihnen sagen, woher es kommt.“

Was im Kleinen funktioniert, soll demnächst auch im Großen laufen. „Unsere Erzeuger regionaler Produkte sind natürliche ,Storyteller‘“, sagt Hastings. „Da braucht kein Werber nachzuhelfen. Essen bringt Menschen ganz von selbst zueinander.“

An den „Peace Walls“, den 5,5 Meter hohen Mauern, die protestantische von katholischen Vierteln trennen, sollen demnächst Kartoffeln wachsen. Die irische Künstlerin Rita Duffy wird die Vergangenheit auch kulinarisch aufarbeiten. Ein Austernfestival gibt es bereits, ebenso ein Schokoladenfestival. Und ein weiterer Trumpf für Nordirland wartet am Hafen von Belfast: das „Titanic“-Museum. Hier, in den früheren Werften von Harland & Wolff, wurde der legendäre Oceanliner gebaut. „Die Marke Titanic ist extrem hochwertig“, analysiert Howard Hastings. „Wir werden in den kommenden Jahren sehen, was daraus zu machen ist.“ Es hört sich so an, als seien die harten Zeiten in Nordirland endgültig vorbei.            ®

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