• Mariella Bauer-Hallberg

Zugespitzt. - Messerfirma Nesmuk

Nesmuk 15 Schild anbringen sw f ohne Schraube Logo2013 2Zugespitzt.

Unique selling proposition (USP). „Wir produzieren das perfekte Messer“, behauptet Walter Grave kühn. Der Werbefachmann weiß: In einem hart umkämpften Markt hat nur eine Chance, wer sich von der Konkurrenz abhebt. Deshalb zielen die Produkte seiner Firma Nesmuk auf die echten und gefühlten Sterneköche unter uns.

Vor ziemlich genau zehn Jahren schlenderte der Werbefotograf Walter Grave (oben) über eine wenig besuchte Messe für Bogen und Messer in Wolfenbüttel. Eigentlich wollte sich der Zwei-Meter-Mann nur ein Spezialgerät für sein Hobby Bogenschießen anfertigen lassen. Schließlich hatte der 53-Jährige gerade die operative Führung der von ihm gegründeten Düsseldorfer Werbeagentur Echtzeit abgegeben. Und deshalb Zeit.

„An einem winzigen Stand präsentierte der Schmied Lars Scheidler fünf handgeschmiedete Jagdmesser“, erzählt Grave heute: „Wir kamen ins Gespräch.“ Ein bisschen wusste Grave ja über Messer Bescheid, trug er doch ein Taschenmesser der französischen Kultmarke Laguiole immer bei sich. Trotzdem sei er vollkommen überrascht gewesen, als Scheidler ihm erzählte, dass „so ein handgeschmiedetes Messer 500 Euro kosten soll“. Die Begründung lieferte der Schmied gleich mit: Er glaube, eines der besten Messer der Welt entwickelt zu haben. Bloß: Keiner wolle es haben.

Die Synapsen im Gehirn des Werbeprofis begannen zu arbeiten: „Ich dachte mir, wenn das Messer wirklich so gut ist, lässt sich das bestimmt ändern.“ Schnell waren sich der Werber mit dem „Sinn für Ästhetik“ und der Schmied „mit dem Sinn für Messer“ einig. Grave, finanziell unabhängig dank der weiter bestehenden Beteiligung an seiner Werbeagentur, hatte das notwendige Kleingeld und Marketing-Know-how, Lars Scheidler die fachliche Kompetenz. 2005 wird die Nesmuk GbR gegründet.

Zehn Jahren später sitzt der 62-jährige Grave ganz in Schwarz, die grauen Haare raspelkurz, in der stylishen Versuchsküche in einem ehemaligen Lagerhaus. An den Ziegelwänden museal beleuchtete Vitrinen mit ausgewählten Nesmuk-Messern, auf deren Schneide neben dem Firmennamen auch eine Fledermaus prangt: Symbol für Ewigkeit, erläutert er. Das Schmieden sei doch eines der ältesten Handwerke, die Fledermaus eines der ältesten Tiere der Welt.

Erst 2013 hat Nesmuk von einer „Scheune in Wunstorf“ den Firmensitz nach Solingen, ins Herz der deutschen Messerindustrie, verlegt. Etablierte Marken wie Zwilling J. A. Henckels, Güde oder Wüsthof prägen von hier aus den Ruf deutscher Präzisionsarbeit. Ein Ort, der Erfolg atmet. „Dass der Weg hierher allerdings so lang, so arbeits- und forschungs- und auch geldintensiv werden würde, habe ich zum damaligen Zeitpunkt nicht gedacht.“

Schnell stellten die Unternehmensgründer fest, dass die Fokussierung auf Jagdmesser nicht sinnvoll ist. „Zielgruppe zu klein, Preis zu hoch.“ Gemeinsam tüftelten Scheidler und Grave deshalb an einem Konzept für Kochmesser. Nur das prägnante Design blieb unverändert: „Die Klingenform orientiert sich an der Abbildung eines Messers aus der Bronzezeit, die in einer 3500 Jahre alten    > Höhlenmalerei gefunden wurde.“ Das allein allerdings ist kein USP – kein unique selling proposition. „Um unserem Anspruch gerecht zu werden und nicht nur als Konkurrent bestehender Schneidwarenfirmen anzutreten, brauch­ten wir etwas Spezielles.“

Die beiden wollen Klingen herstellen, die besonders scharf, dünn und hart zugleich sind. Das seien schließlich die drei wichtigsten Kriterien, anhand derer Fachleute die Qualität eines Messers beurteilen. Neben den handgeschmiedeten Damastmessern sollten auch Messer angeboten werden, deren Klingen in einem halbindustriellen Verfahren vorproduziert, also aus Stahltafeln gelasert und dann geschliffen werden.

Auf der Suche nach neuen Materialien und Methoden hörten die beiden von einem Stahl, der eigentlich nicht für herkömmliche Schneidwaren gedacht war. Sogenannte Kuttermesser werden in fleischverarbeitenden Betrieben benutzt, weil sie derart scharf und widerstandsfähig sind, dass mit ihnen gleichzeitig Eis und Fleisch zerteilt werden können. Dieser Stahl enthält Niob, ein selten vorkommendes Schwermetall, das im Stahl selbst für ein sehr feines Gefüge sorgt. Die Klinge wird fester und zäher. „Wenn ihr es schafft, diesen Stahl zu bezwingen, werdet ihr wahrscheinlich das beste Edelstahlmesser der Welt machen“, erklärte ihnen ein Metallurge, mit dem sie auf einer Messe sprachen.

Bezwingen? „Ja, es war wirklich ein Kampf“, sagt Grave. „Wir brauchten fünf Jahre, um Schleiftechnologien zu entwickeln, die geeignet waren, diesen niobhaltigen Stahl zu formen. Das sind Technologien, die bislang beim Messerschleifen nicht angewandt wurden. Der Stahl ist nicht nur siebenmal so teuer wie jeder andere Stahl, auch der Aufwand des Schleifens ist enorm.“

Nachdem Grave den niobhaltigen Stahl „bezwungen“ hatte, erhielt er exklusiv die Genehmigung, das ausgewalzte Material zu verarbeiten. „Heute kann das jeder. Theoretisch.“ Allerdings sei es bislang noch keinem Wettbewerber gelungen, diese niobhaltigen Stahlklingen tatsächlich auch zu schleifen. Für Nesmuk übernimmt die Solinger Spezialfirma Clauberg diesen Vorgang.

Allein in den ersten fünf Jahren inves­tierte Grave 500000 Euro in diesen Entwicklungsprozess. Denselben Betrag legte später sein Werbepartner Alexander Tonn ein. „Denn der Prozess, einmal angestoßen, war einfach nicht mehr zu stoppen“, erklärt Grave. „Von Monat zu Monat haben wir gedacht, nächsten Monat sind wir einen Schritt weiter. Aber die Probleme dauerten und dauerten an, und auch unsere eigenen Ansprüche wurden immer höher.“

So tüftelte der Quereinsteiger mit dem Hang zur Perfektion zusammen mit dem Fraunhofer Institut auch an einer besonderen Beschichtung für die Klingen. Diese Diamond-like-Carbon-Beschichtungstechnologie – DLC – ist eigentlich eine Funktionsbeschichtung für künstliche Hüftgelenke. Beim Messer verändert die Technologie die Härte der Klinge, die sogenannte Vickershärte. Handelsübliche Messer weisen eine Vickershärte von 650 auf, DLC-beschichteter Nesmuk-Messer liegen dagegen zwischen 2300 und 5550.

Ist das nun genug USP? Welcher Messerkäufer macht sich ernstlich über solche Spitzfindigkeiten Gedanken? Darüber, dass die Anfertigung der ergonomischen Messergriffe aus zwölf verschiedenen Edelhölzern wie ostindischer Palisander, karelische Maserbirke oder Bahia-Rosenholz nur von einer Fünf-Achs-Fräsmaschine ausgeführt werden kann, die allein 500000 Euro kostet? Über die Fertigungsqualität der Messer, die keinerlei Spaltmaße zwischen Klinge und Griff erlaubt?

Selbst Grave gibt zu, dass er sich manchmal fragt: „Mache ich den Anspruch für mich selbst oder erkennen ihn die Konsumenten auch?“ Insgesamt sind bis heute rund fünf Millionen Euro in die Entwicklung der Messer geflossen. Dass sie eine Chance auf dem Markt haben, glaubt auch ein weiterer Investor. Seit 2012 gehören 49 Prozent von Nesmuk diesem stillen Teilhaber, der über langjähriges Know-how in der Messerbranche verfügt. Er hat sich frühzeitig ins Unternehmen eingekauft, obwohl der Verkauf erst dieses Jahr an Fahrt aufgenommen hat.

„Bis dahin waren die Umsätze eher marginal“, sagt Grave. „Wir haben ja nur fünf bis zehn Messer in der Woche produziert.“ Seit einem Jahr ist die Firma nun ernsthaft im Markt. Rund 120 bis 150 Messer pro Woche werden produziert. In der Manufaktur werden die aus den niobhaltigen Stahlplatten herausgelaserten und von der Firma Clauberg geschliffenen Klingen bearbeitet. Rund 15 Arbeitsschritte sind bis zur Fertigstellung der Messer notwendig. „Am wichtigsten ist auf jeden Fall der letzte Schritt – das Schärfen der Klinge“, sagt Grave. „Denn gerade diese unglaubliche Schärfe ist ja eines unserer wichtigsten Unterscheidungskriterien.“

Nur rund zehn Exemplare der wöchentlichen Produktion fertigt Markus Pattschull, der neue Mann an der fauchenden Schmiede, seit Lars Scheidler letztes Jahr die Firma aus gesundheitlichen Gründen verlassen hat. Dabei wird Damaszener Stahl – das sind unterschiedliche Stahllegierungen, die wie ein Sandwich übereinanderliegen – bei Temperaturen über 1000 Grad erhitzt. Anschließend wird der Stahl mit dem Hammer bearbeitet. „Diesen Vorgang wie­der­hole ich einige Male, bis eine Klinge herausgearbeitet ist“, erklärt Pattschull. „Er ist Biologe, der sich das Schmieden selbst beigebracht hat“, ruft Grave über das ohrenbetäubende Hämmern hinweg. Quereinsteigertum scheint bei Nesmuk kein Malus, sondern ein Plus zu sein.

Zum Kundenstamm der Edelschmiede gehören hauptsächlich „kulturbeflissene Männer mit hohem Anspruch“, erläutert Grave. Nesmuk offeriert deshalb nicht nur hochwertige Messer, sondern eine ganze „Erlebniswelt“ rund um das Produkt. Sterneköche wie Dieter Müller oder Juan Amador halten hier Kochkurse ab und zelebrieren publikumswirksam die Schärfe der Messer.      

Seit September dieses Jahres ist die Firma auf dem russischen, seit Oktober   >

auf dem chinesischen und dem amerikanischen Markt vertreten. Der englische Markt ist in Vorbereitung. In Europa sei die Schweiz schon relativ gut abgedeckt, in Österreich und Deutschland fehlten noch 50 bis 60 Prozent der Händler.

Momentan reist der Chef persönlich durch die Lande und versucht, den Fachhandel zu überzeugen: „Wenn ich zehn Leute besuche, kaufen acht. Zunächst haben die Händler allerdings erst mal Respekt vor dem Preis.“ Handgeschmiedete Damastmesser gibt es ab 5000 Euro, das bislang teuerste Exemplar ist ein Messer mit Edelsteinen am Griff für 80000 Euro. Bestseller ist jedoch das 390 Euro teure schwarze Messer Janus mit einem Griff aus Moor­eiche. Diese Ausführung war auch für den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland nominiert und gewann 2013 den vom Chicagoer Athenaeum Museum of Architecture and Design ausgegebenen Good Design Award.

Die Kür in der Designwelt hat der Newcomer also bestanden. Nun muss die Pflicht erfüllt, der Absatz gesteigert werden. 2014 machte die Firma 500000 Euro Umsatz, für 2015 rechnet Grave mit einer Million Euro und dann jedes Jahr mit weiterem Wachstum. „Zu sagen, wir verdoppeln jetzt jedes Jahr, wage ich nicht. Aber sehr viel weniger wird es hoffentlich auch nicht werden.“

Inzwischen sind seine Messer sogar bei ausgesuchten Juwelieren erhältlich. Ist das sinnvoll? „Aber natürlich“, sagt der Werber. „‚Wir bieten auch Griffe aus den Edelsteinen Lapislazuli oder schwarze Jade an.“

Zudem versucht der Marketingmann das Marken-Image von Nesmuk durch weitere Produkte wie Messerblöcke, Schneidbretter oder Ledertaschen für den Messertransport zu festigen. Denn die Konkurrenz schläft nicht. Nicht nur in China werden die Nesmuk-Messer schon imitiert. Auch der deutsche Traditions-Küchenausrüster Fissler hat kürzlich ein Messer mit DLC-Beschichtung auf den Markt gebracht.

Die Antwort Graves: schnellstmögliche Internationalisierung. Doch so etwas kostet Geld. Ein weiterer Investor? „Wir denken darüber nach“, sagt er. Und es ist förmlich zu spüren, wie die Synapsen zu arbeiten beginnen.             ®

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