• Antje Annika Singer

"Mir nach." - Familienstiftung Voelkel

Voelkel GmbH Firmenschild"Mir nach."

Nachhaltiges Wirtschaften. „Verantwortung für Mensch und Natur“, lautete schon das Motto, als Margret und Karl Voelkel 1936 weit vor jeder Öko-Bewegung eine Natursaftpresse gründeten. Fast 80 Jahre später hat Stefan Voelkel diese Philosophie fest verankert. Seine vier Söhne, die mittlerweile vierte Generation, denken und handeln genauso.

 

Globalisierung ist immer zweiseitig. Wenn wir Erdbeeren im Winter genießen wollen, geht das nur auf Kosten von anderen“, macht Boris Voelkel klar. Er ist der älteste von vier Brüdern, die in vierter Generation mit ihrem Vater und Geschäftsführer Stefan Voelkel die Geschicke der Voelkel GmbH leiten. Boris, studierter Wirtschaftspsychologe und Betriebswirt, verantwortlich für den Einkauf, erlebt dies auf seinen Reisen zu weltweit 300 Lieferanten hautnah: „Wir hier in Deutschland gehören zu den Gewinnern, wir ziehen unsere Vorteile aus der Globalisierung und müssen deshalb auch die Verantwortung für die Konsequenzen übernehmen. Egal, ob es um den Klimawandel oder die Flüchtlinge geht.“

Flüchtlingshilfe? „Selbstverständlich!“ Der 31-Jährige stammt aus dem Wendland, entlegenstes Niedersachsen im Kreis Lüchow-Dannenberg. Viel Landschaft. Viel Obst. Eine strukturschwache Region. „Bei 10000 Einwohner leben derzeit an die 2000 Flüchtlinge zusätzlich in unserem Landkreis. Sie wurden gut aufgenommen“, schildert Boris Voelkel die Lage. „In unserer Produktion arbeiten mittlerweile fünf Männer aus Syrien, Somalia und dem Irak. Die einen waren erst seit neun Monaten, andere bereits bis zu zwei Jahre in Deutschland, bis sie von der Gemeinde an uns vermittelt wurden. Sie helfen bei den einfacheren Jobs. Doch einer von ihnen hat im August die Ausbildung zur Fachkraft für Fruchtsafttechnik begonnen.“ Es wäre, erzählt der Unternehmer, allerdings gelogen, zu behaupten, die Ausbildung sei einfach. Aber es lohne sich: „Die Region ist dünn besiedelt, es gibt wenig Fachkräfte. Das ist Basisarbeit für die Zukunft. Wenn dabei wie jetzt noch Vielfalt ins Team kommt, ist es eine absolute Bereicherung.“

Über die Produktion von „Familienpunsch“ und „Heißer Winterapfel“ ruft Voelkel außerdem direkt zu Toleranz und Spenden auf. Fünf Cent der Umsatzerlöse pro Flasche gibt die Saftpresse an das internationale Hilfswerk missio e.V. Im vergangenen Jahr kamen bei der Aktion in vier Monaten 13000 Euro für Hilfsprojekte in Syrien und im Irak zusammen. „Wir hatten Berichte über das Hilfswerk gesehen. Bei einer solchen Organisation ist uns die schlanke Struktur wichtig. Die Hilfe sollte direkt und komplett bei den Betroffenen ankommen“, erklärt Boris Voelkel.

Auch privat sind die Voelkels aktiv: Stefan Voelkel sammelte einen Container voller Sachspenden für die Ankommenden auf der griechischen Insel Lesbos. Boris Voelkel bricht demnächst nach Serbien auf, um sich ein persönliches Bild von der Lage zu machen: „Ich suche den Weg gern über persönliche Kontakte. Wir sind gut vernetzt. So können wir im kleinen Verbund, mit Privatmenschen an Ort und Stelle oft sehr flexibel und wirksam helfen.“

Schon immer ging es bei den Voelkels um Verantwortung für Mensch und Natur. Die Wurzeln des Familienunternehmens liegen bei den Urgroßeltern und – bei Rudolf Steiner, österreichischer Philosoph, Mediziner, Pädagoge und Begründer der spirituell-esoterischen Weltanschauung, der Anthroposophie. Nach seinen Prinzipien legten Margret und Karl Voelkel vor beinahe 100 Jahren ihren Obstgarten an. Seine Vorgaben sind heute noch Grundlage für jeden Demeter-zertifizierten Landwirt. „Wir sprechen von einer Wertschätzungskette und denken in Kreisläufen“, beginnt Boris Voelkel zu erklären, um dann auszuholen: „Homöopathische Präparate sollen aktiv dazu beitragen, Böden aufzubauen und die Wasserqualität zu verbessern. Ein Hof oder eine Plantage wird als ganzheitlicher Organismus gesehen, also als Gegenteil von Monokultur. Biodiversität hat das primäre Ziel, gesunde, geschmackvolle Produkte zu liefern. Diese sind dann Basis für einen gesunden Körper, Seele und Geist und in Summe auch für eine lebenswertere Gesellschaft.“

Diese Botschaft trägt Voelkel auch weiter. Jüngst hat er seinen Granatapfelbauern in der Türkei in die Weisheiten des Demeter-Anbaus eingeführt. „Wer gemeinsam Kuhhörner mit Mist gestopft und vergraben hat, baut eine ganz andere Beziehung auf“, illustriert er mit einer Anspielung auf die homöopathische Behandlung von Böden sein vertrauensvolles Verhältnis zu den weltweiten Lieferanten: „Manche Verbindungen bestehen nun auch schon in zweiter, dritter Generation.“

300 Hersteller aus aller Welt liefern jährlich 8000 Tonnen Gemüse, 3000 Tonnen Beeren und 8000 Tonnen Obst ins Wendland. „Wir sind vielseitig, produzieren kleinteilig – und ohne Konzentrate! Alle zwei Stunden wechselt das Produkt, alle zwei Tage die Flaschengrößen zwischen 0,2 und 1 Liter. Das erfordert viel Know-how unserer Fachkräfte“, erläutert Jacob Voelkel. Der 29-Jährige ist gelernter Fruchtsafttechniker und Getränkefachwirt und als Betriebsleiter für die Produktion und Ausbildung im Unternehmen verantwortlich. „Bio ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das spüren wir natürlich auch. Seit 2001 haben wir ein jährliches Wachstum zwischen fünf und 13 Prozent.“

Voelkel ist Marktführer bei Biosäften in Deutschland. Rund 30 Großhandelspartner haben in den vergangenen zwölf Monaten 52 Millionen der etwas altbacken anmutenden Voelkel-Flaschen an den Naturkostfachhandel vertrieben: Bioläden, Reformhäuser Biosupermärkte – „beim Discounter können wir preislich nicht mithalten“. 58 Millionen Euro Umsatz wurden so in den letzten zwölf Monaten erwirtschaftet, ein Plus von sechs Prozent zum Vorjahr. Insgesamt gibt es 180 Produkte von Voelkel, trotzdem verlässt 40 Prozent der Produktion die Hallen unter anderen Firmenlabels. So wird zum Beispiel für Alnatura abgefüllt. 80 Prozent der Voelkel-Säfte werden im Inland gekauft. Spitzenreiter sind Apfel- und Orangensäfte.

Zu den Klassikern zählen Voelkels Demeter Apfel-Mangosaft oder der 7 Zwerge Kindersaft. Letzterer ist ein gutes Beispiel, um zu verstehen, was die Markenbezeichnung Demeter auf einem Etikett tatsächlich bedeutet. Die Zutaten sind nicht nur auf gesunden Böden gewachsen, sondern erfüllen auch in ihrer Zusammensetzung anthroposophische Ansprüche. Gemüse und Obst aus den verschiedenen Ebenen unter und über der Erde sind enthalten: Wurzelgemüse – Möhren, erdnahe Früchte – Erdbeeren, Früchte aus den höheren Regionen – Beeren und Äpfel.

Die Branche bewegt sich schnell, permanent sind neue Ideen gefragt. Von Voelkel stehen deshalb jedes Jahr im Schnitt 20 neue Produkte in den Regalen. Der Chef selbst beweist dabei immer wieder einen besonderen Riecher. „Innovationsfreudig ist noch untertrieben, -wütig trifft es besser“, schildert Boris Voelkel lachend den Erfindungsgeist seines Vaters. „Ob Heimi­scher Multi, grüne Smoothies mit Grünkohl und Spinat, „Vegan to go“-Saftmahlzeiten oder der jüngste Zuwachs Bio-Zisch Gurken-Limonade – alle Neuerscheinung trafen den Trend und schlugen bei den Kunden ein.“                >

Dabei ruhe die Verantwortung für Neues beileibe nicht allein auf den Schultern des Vaters. „Jeder Mitarbeiter soll ausdrück­lich auch unkonventionelle Ideen einbringen. Alles kommt bei der Produktentwicklung auf den Tisch, wird geprüft und reift basisdemokratisch. Das Ergebnis muss allen schmecken und das Team entscheidet Top oder Flop“, schildert Boris Voelkel den Kreativprozess.

Es ist dort im Wendland ganz offensichtlich ein sehr besonderes Unternehmen gereift. Anlässlich des 75. Firmenjubiläums im Jahr 2011 setzte sich die Familie zusammen und beriet: Wie soll es weitergehen? Allen war wichtig, die Ideale der Gründer weiterzutragen, einen Verkauf auszuschließen und die familiäre Nachfolge zu regeln. Der Stiftungsgedanke war geboren.

„Meine Söhne wurden in alle Überlegungen mit einbezogen. Zunächst herrschte bei ihnen schon etwas Aufregung, und ich wurde mit der Frage konfrontiert: Willst du uns enterben?“, erinnert sich Stefan Voelkel: „Doch ihnen war bald klar, dass eine Stiftung ein gutes Instrument für Unternehmer ist, um den Sinn und die Essenz eines Betriebs zu erhalten, wenn dieser nicht weiterverkauft werden soll. Ich habe andere beobachtet: Sie verkaufen, bekommen viel Geld. Und dann? Sind sie damit glücklicher?“, stellt Stefan Voelkel die Frage in den Raum.

„Wir hatten einige Kaufangebote. Es waren auch sehr, sehr verlockende dabei. Mein Vater nahm sie lächelnd zur Kenntnis, als Kompliment, nicht als ernsthafte Option“, räumt Boris Voelkel ein, „denn es ist ja wirklich so: Was kommt danach? Wir haben schon oft erlebt, wie viele auf der Suche nach der Sinnhaftigkeit in ihrem Leben sind. Und wir, wir haben doch schon etwas absolut Sinnhaftes.“

Die Frage lautete also nur noch: Wie machen wir es klug? „Das hat viel mit Vertrauen zu tun, sonst funktioniert so ein Modell nicht. Ich brauche unter Geschwistern nicht mit rechtlichen Spitzfindigkeiten und Stimmrechten anzufangen. Nur gemeinschaftlich getroffene Entscheidungen funktionieren“, erzählt Boris Voelkel. Knapp vier Jahre hatte es gedauert, die Satzung der Familienstiftung auszuarbeiten. Sie ist simpel gehalten. Der Voelkel-Leitgedanke „Verantwortung für Mensch und Natur“ steht über allem. Ziel ist es, regional wie international biologisch-dynamische Grundsätze zu leben, ökologische Landwirtschaft sowie soziales und nachhaltiges Handeln zu praktizieren. 90 Prozent von dem, was das Unternehmen erwirtschaftet, werden reinvestiert, zehn Prozent fließen in eine gemeinnützige Stiftung.

Das wichtigste Gremium ist das Kuratorium, derzeit bestehend aus den vier Brüdern. Sie wählen einen Vorsitzenden aus den eigenen Reihen. Aktuell ist das Stefan Voelkel. Es könnte aber später auch ein Externer sein. Der Vorsitzende beruft einen Geschäftsführer. Momentan hat sich der Vorsitzende selbst benannt, auch dieser könnte aber ebenfalls irgendwann von außen kommen. Um Betriebsblindheit zu vermeiden, haben die Voelkels jüngst entschieden, externe Beisitzer hinzuzu­ziehen. Sie überwachen, dass der Stiftungszweck umgesetzt wird.

Die Familienmitglieder bekommen Gehälter wie jeder andere Angestellte auch. Sollte ein Mitglied in eine Notsituation geraten, ist über einen Notfallfonds für eine Grundsicherung gesorgt. „Heute sind wir alle froh über diese Lösung. So steht bei uns Geschwistern die tatsächliche Arbeit im Vordergrund – nicht unnötige Besitzstreitigkeiten“, meint Jurek Voelkel.

Welche Regelungen gibt es für die kommenden Generationen? Die nächste, die fünfte, krabbelt schließlich schon. Boris und Jacob Voelkel sind im vergangenen Jahr beide Vater geworden. „Die Zeit wird ihre Fragen und Herausforderungen bringen. Dann gilt es zu reagieren. Man kann nicht alles im Vorweg versuchen zu regeln“, ist der älteste Voelkel-Bruder entspannt. Klar sei lediglich: Alle Nachkommen werden unvergütet Teil des Kuratoriums, unabhängig davon, ob sich der Familien­spross auch operativ in das Unternehmen einbringt.

In der jetzigen Generation hat zumindest jeder sein Gebiet gefunden: Neben Boris und Jacob ist auch Jurek im Unternehmen tätig und mit 24 Jahren für den Vertrieb zuständig. David, 27 Jahre, steckt noch in der Ausbildung zum Industriemechaniker.

Die Voelkels stellen sich ihre Stiftung gern als wunderschönen, großen Baum mit einer prächtigen Baumkrone voller grüner Blätter, einem breiten Stamm und tiefgehenden, gesunden Wurzeln vor. „Und unser Vater ist die Pfahlwurzel“, lacht Boris Voelkel. „Die Stiftung verwurzelt alles Handeln der Firma in den ideellen Werten der Gründungsidee.“

Dass sie so eine Vorbildfunktion für andere Firmen bekommen werden, hoffen sie natürlich. „Dennoch ist die Tragweite der Entscheidung außen noch nicht so deutlich angekommen“, zieht Boris Voelkel fünf Jahre nach Gründung der Stiftung ein Zwischenfazit: „Nach innen wirkt sie dafür umso mehr. Natürlich wurden vorher andere Firmenverkäufe in der Branche auch von unserer Belegschaft besorgt verfolgt. Jetzt gilt: Wir sind nicht käuflich! Diese Sicherheit, die wir den Mitarbeitern und Lieferanten dadurch vermitteln, ist ungemein kostbar für den gemeinsamen Geist. Manch einem Kollegen standen bei dieser Nachricht die Tränen in den Augen.“

Im Sinne von „Verantwortung für Mensch und Natur“ gibt es auch weiter viel zu tun. Der gemeinnützige Teil der Voelkel-Stiftung geht große Aufgaben an: Förderung des Demeter-Landbaus in Form einer Schule in Indien; Erhalt der Streuobstwiesen für den Artenschutz; Verbesserung des Wasserschutzes und der -aufbereitung in Uganda; Förderung von samenfesten Gemüsesorten und Autarkie von Kleinbauern. Lokale Projekte wie die Waldorfschule oder ein Künstlerevent erhalten nach dem Gießkannenprinzip Unterstützung. Eine Frage treibt Boris Voelkel besonders um: Was ist in Zeiten der Globalisierung fair? „Fair wäre es, sich auf Augenhöhe zu begegnen, wenn wir uns alle aufeinander zu bewegten.“ Es ist offensichtlich kein roter Faden, der sich bei den Voelkels durch alles hindurchzieht. Es ist ein grüner.  ®

 

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