• Dr. Günter Kast

Kleine Einheiten, großer Effekt.

Moewa 1Start-up. Der Ausbau großer Windenergieanlagen ist in Deutschland fast zum Erliegen gekommen. Dadurch tut sich eine Nische für kleine, kostengünstige und modular erweiterbare Turbinen auf. Zwei Berliner Gründer wollen sie zur Serienreife bringen.

Irgendetwas surrt da leise vor sich hin. Es hört sich ein bisschen wie eine weit entfernte Drohne an. Tatsächlich sind es jedoch drei kleine Windturbinen auf dem Dach eines fünfstöckigen Gebäudes an der Storkower Straße in Prenzlauer Berg. Der mit den Rotoren erzeugte Strom versorgt unter anderem ein Büro in diesem Haus. Dort sitzen die Köpfe hinter dieser Idee.

Till Naumann und Andreas Amberger wollen mit ihrem Start-up Mowea (Modulare Windenergieanlagen GmbH) Windenergie erschwinglich für alle machen. Ihre Mini-Turbinen sollen dort platziert werden, wo bislang nur Solarzellen Energie erzeugten. Im Konzert mit anderen sauberen Energien sollen diese Windräder Verbraucher nahezu unabhängig vom Stromnetz machen, ja sogar den gesamten Strommarkt demokratisieren und dezentralisieren.

Auf den ersten Blick sieht das nach einer Geschäftsidee mit Potenzial aus. Könnte Mowea nicht in eine Marktlücke stoßen, die sich durch die Probleme der großen Windräder aufgetan hat? 2019 wurden hierzulande schließlich nur 280 Windräder mit einer Gesamtleistung von 940 Megawatt in Betrieb genommen – so wenig wie zuletzt 1998. Vor allem administrative Hürden im Genehmigungsverfahren – es gibt immer weniger geeignete Flächen – und die mangelnde Akzeptanz in der Bevölkerung stehen der Branche im Weg. Zudem sind die Anlagen groß, komplex in der Herstellung und deshalb teuer. Zuletzt gab es sogar noch Gegenwind von der eigenen Lobby: Bei der Verschrottung falle jede Menge Sondermüll an, der so gar nicht „grün“ sei, ätzten einige Umweltschützer.

Kleine Einheiten dagegen finden leichter Orte, an denen sie aufgestellt werden können. Sie sind leiser und günstiger. Allein – die Berliner sind nicht das erste Start-up, das sich an der Idee versucht. Windanlagen, die auf Dächern von Einfamilienhäusern oder Gewerbegebäuden montiert werden, gibt es schon seit vielen Jahren. In der Praxis stellten sich viele Ansätze allerdings als unbrauchbar heraus. Hohe Wellen schlug zum Beispiel der Fall Tassa. Das Wolfsburger Start-up gewann 2009 mit seinem Mini-Windrad zwar einen Gründerpreis der Förderbank KfW. Doch das System entpuppte sich als unausgereift, einige Anlagen brachten nur einen Bruchteil der erwarteten Leistung. Kunden forderten ihr Geld zurück, das Management muss­te sich vor Gericht verantworten.

Till Naumann und Andreas Amberger sind sich der Schwere ihres Erbes bewusst. „Was da in der Vergangenheit angeboten wurde, war entweder billiger Schrott oder aber viel zu teuer.“ Auch sei der damals ins Visier genommene Markt der privaten Käufer viel zu klein. Mit einer Handvoll Windturbinen für Yachten oder Ferienhäuser ließe sich nicht genügend Umsatz erzielen, um substanzielle Skalenerträge zu realisieren. Vor allem aber: „Es gab bisher keine modularen Systeme.“ Das wollen die beiden gebürtigen Berliner nun ändern. „Unsere Mikro-Kraftwerke sind erweiterbar. Dutzende von Einheiten lassen sich in Reihe schalten. Dadurch haben wir ganz andere Möglichkeiten.“

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Der Startschuss zu Mowea fiel während Naumanns Maschinenbaustudiums an der TU Berlin. „Als ich wissenschaftlicher Mitarbeiter wurde, sollte ich die Vorlesung ,Lehre von der Windkraft‘ halten. Da musste ich mein Wissen schnell vertiefen, sonst hätte ich mich vor den Studenten blamiert.“ Das gelang offenbar, denn später promovierte er zum Thema „Aerodynamik kleinster Rotorblätter“. In einem von der Investitionsbank Berlin (IBB) finanzierten Forschungsprojekt zur Kostenreduzierung bei Windkraftanlagen lernten sich dann im Jahr 2010 Strömungsmechaniker Naumann und Andreas Amberger kennen, damals wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Elektrische Antriebstechnik.

Für die IBB experimentierten die beiden mit Modulen. Das erste Projekt bestand aus 24 einzelnen Anlagen und wurde an der Nordsee auf einem Windenergie-Testgelände des Germanischen Lloyd realisiert. Hier konnte das modulare Sys­tem der Gründer nach dem Zertifizierungsstandard für Windenergieanlagen (IEC 61400) von einer unabhängigen Partei vermessen werden.

Die Mini-Turbinen sahen zwar simpel aus, waren aber vollgepackt mit neues-ter Technik und neuartigen Materialien. Außerdem waren sie klein, günstig und effizient. Je nach Windverhältnissen und der Anzahl der Anlagen erzeugten sie Strom in der Bandbreite zwischen 400 Watt und 100 Kilowatt.

Die Ergebnisse des Testlaufs waren ermutigend. So ermutigend, dass sich die beiden im September 2017 für eine Ausgründung aus der TU Berlin entschieden und ihr Baby Mowea nannten. Die ers­ten 500000 Euro sammelten sie von mehr als 750 Geldgebern über die Berliner Crowdinvesting-Plattform Companisto ein. Menschen, die von der Idee überzeugt waren, konnten sich ab einem Betrag von 100 Euro in Form einer Beteiligungsfinanzierung (partiarisches Darlehen) bei Mowea einbringen. Weiteres Kapital kam aus einem EXIST-Gründerstipendium.

Anfangs sahen die beiden Erfinder den künftigen Markt für ihre Windanlagen vor allem in Schwellenländern. Dort wächst das Mobilfunk­netz überproportional schnell, es werden ständig neue Mobilfunkmasten in die Landschaft gestellt – und durch Dieselgeneratoren mit Energie versorgt. Diese Generatoren durch kleine, an den Masten befestigte Windturbinen zu ersetzen – das klingt nach einer riesengroßen Chance.

„Wir mussten aber schnell lernen, dass ein kleines Team nicht vom Start weg in der Lage ist, in fernen Ländern Geschäfte zu machen“, bekennt Naumann im Rückblick. „Von solchen Ambitionen kann ich heute nur abraten. Wer gerade in die Selbstständigkeit startet, ist von einer derartigen Aufgabe überfordert. Da fehlte uns ganz einfach die Erfahrung und Manpower. Sinnvoller ist es, erst einmal zu sehen, ob es nicht einen Markt vor der Haustür gibt.“

Diesen gibt es ganz offensichtlich. Vor allem auf den Flachdächern von Indus­triehallen in Gewerbegebieten, aber auch an den vielen neuen Mobilfunk­mas­ten, die für den Aufbau des 5G-­Netzes gebaut werden müssen, könnten die Anlagen aufgestellt werden.

Als die EXIST-Förderphase ausläuft, brauchen die beiden eine Anschlussfinanzierung. Wagniskapitalgeber halten sich allerdings bedeckt. „Zu dem Zeitpunkt hatten wir noch keinen Pilotkunden, um zu zeigen, dass unsere MikroTurbinen tatsächlich funktionieren. Für Investoren ist aber genau das ein wichtiges Kriterium“, musste Naumann lernen. Eine weitere Erfahrung: „Die Anwendungsmöglichkeiten unserer Wind­räder sind sehr vielfältig. Sie können überall dort stehen, wo auch nur einige Quadratmeter Platz und ausreichend Wind vorhanden sind. Das ist aber bei der Ansprache potenzieller Investoren nicht unbedingt von Vorteil. Die wollen sehen, dass die Gründer sich erfolgreich in einer ihrer Nische positioniert haben. Also besser nicht auf fünf Partys gleichzeitig tanzen, sondern eine auswählen und da richtig Gas geben.“

Genau das setzen die beiden nun um. Auf einer Alumni-Veranstaltung des „Centre for Entrepreneurship“ der TU Berlin kommen sie ins Gespräch mit Vodafone. Der Telekommunikationskonzern plant derzeit den Aufbau des 5G-Netzes und benötigt dafür viele neue Mobilfunkmasten. Da diese kontinuier-lich Energie verbrauchen, lässt Voda­fone im Dezember 2019 vier Mowea-Testanlagen an einem Mast in der Nähe von Torgelow (Kreis Vorpommern-Greifswald) anbringen. Jede dieser Anlagen hat eine Spitzenleistung von 500 Watt und produziert zwischen 500 und 800 Kilowattstunden pro Jahr. Bei durchschnittlichen Windverhältnissen ist das genug Strom, um die Hälfte eines Zwei-Personen-Haushalts zu versorgen – oder einen guten Teil der Energie, die der Funkmast für den Betrieb benötigt.

Endlich haben die Gründer ihr Pilotprojekt. Weil die Rotoren nur auf einen Durchmesser von 1,5 Metern kommen, sind die Anforderungen an eine Genehmigung tatsächlich wesentlich geringer als bei großen Windkraftanlagen.

„Wir müssen natürlich die Anforderungen in Bezug auf Geräuschemissionen und Naturschutzbestimmungen (Vogelschlag) einhalten“, erklärt Naumann. Da eine spezielle Verankerung aber Vibrationen vermeidet, ist die Anlage vergleichsweise leise. Und dank der ausgereiften Regelungselektronik lässt sich eine beliebig große Zahl an Mikro-Turbinen wie Lego-Steine zu einem System zusammenschließen.

„Damit die gesamte Anlage funktioniert, ist viel Know-how nötig“, erklärt Naumann. „Unsere Turbinen an den Funkmasten befinden sich ja nur auf 35 Meter Höhe. Dort bläst der Wind weniger stark als in 80 oder 100 Metern, wo die Rotoren großer Anlagen bewegt werden. 90 Prozent der Zeit arbeiten die Anlagen also nur im Teillastbereich.“

Um trotzdem effektiv zu sein, ist eine besonders genaue Steuerungselektronik nötig. Bei anderen Anwendungen, zum Beispiel auf Firmen-Flachdächern in Gewerbe- oder Industriegebieten, würden sich die Rotoren sogar in nur zehn Meter Höhe bewegen. „Wir versprechen deshalb nicht eine vollständig autarke Stromversorgung. Es geht um eine zusätzliche Anlage, die Stromkosten senken kann, gern auch in Verbindung mit Photovoltaik.“

Aktuell wird auf Basis der Ergebnisse des Piloten eine Amortisationsrechnung von Vodafone durchgeführt. Im nächs­ten Schritt soll Mowea dann ein Angebot über weitere 300 Turbinen der künftigen Nullserie unterbreiten. „Es geht voran“, freut sich Naumann. „Wir sind stolz darauf, Teil der Nachhaltigkeitsstrategie eines global agierenden Konzerns zu sein.“ Sofern sich die Turbinen bewähren, steht einer Serienfertigung nichts mehr im Weg.

Neben der technischen und wirtschaftlichen Seite mussten die Gründer noch weitere Lernprozesse durchmachen. Es gab Wechsel im Gründungsteam, handfeste Meinungsverschiedenheiten. Vor allem, dass ausschließlich Techniker zusammenarbeiteten, erwies sich als problematisch. „Jede doppelte Kompetenz ist überflüssig“, sagt Naumann rück­blickend. „Wichtig ist, auf betriebswirtschaftliches Know-how und unternehmerische Erfahrung im Team zu achten. Das sollte niemand sein, der noch grün hinter den Ohren ist.“

Und vor dem Unterschreiben eines Gesellschaftsvertrags – „Das ist wie ein Ehevertrag“ – könne es nicht schaden, sich auch individuell und nicht nur im Team beraten zu lassen. Im Team selbst sollten sich die einzelnen Mitglieder möglichst gut ergänzen. „Das gilt auch für die verschiedenen Charaktertypen. Ist einer der Partner eher hektisch, sollte der andere idealerweise ein ruhiger Typ sein. Eine gewisse Ausgeglichenheit in der Mannschaft ist schon ganz gut.“

Derzeit umfasst das Mowea-Team zehn Köpfe. Um an zusätzliches Know-how und Finanzmittel zu kommen, holen sich die Unternehmer Business Angels „mit kleineren Tickets“ an Bord und hoffen auf Abschlüsse mit institutionellen Investoren. Bis zur Serienproduktion benötigt das Start-up schließlich noch rund eine Million Euro – Kapital, das in den nächsten sechs bis acht Monaten akquiriert werden soll.

„Es gibt im Moment viele Anfragen – trotz der Corona-Krise. Dass Vodafone die Zusammenarbeit mit uns prominent in einer Pressemitteilung anpries, war ein Glücksfall und hat andere Geldgeber auf uns aufmerksam gemacht. Die kommen nun aktiv auf uns zu.“

Noch ist die Finanzierung allerdings nicht gesichert. Naumann nimmt schon wahr, „dass einige Family Offices und mögliche Wagniskapitalgeber derzeit ihr Pulver trocken halten“. Die aktuelle Krise hinterlässt auch hier ihre Spuren. „Wir müssen die Nullserie einfach schaffen“, macht er sich selbst Mut.

Die Prototypen-Fertigung erfolgt derzeit bei einem Partner in Berlin. Für die Serienproduktion sei als Standort von Süddeutschland bis Osteuropa oder Fernost alles möglich. Die Serienmodule sollen 2021 auf dem Markt sein, der Zielpreis liegt bei 500 Euro pro Stück.

Naumann glaubt nach wie vor, dass die Mowea-Turbinen auf den Dächern von Gewerbe-Immobilien am besten aufgehoben sind, wo tagsüber ohnehin Maschinen laufen und nachts niemand schlafen muss. „Auf mein privates Hausdach würde ich selbst kein Windrad stellen“, gibt er zu. „Das Geräusch ist schon störend.“ Auch die Flachdächer von Flughafen-Gesellschaften an Airports seien gut geeignet: „Rund um Flughäfen ist der Wald gerodet, es gibt keine Windbremsen und auch keine Vögel, die geschützt werden müssen. Außerdem sind Photovoltaikanlagen dort tabu, weil sie Piloten und Lotsen blenden könnten. Da wären unsere Turbinen eine echte Alternative.“

Sobald Mowea auf dem heimischen Markt Fuß gefasst hat, soll auch der Internationalisierungsplan wieder aus der Schublade geholt werden. „In Afrika und Indien, wo das Mobilfunknetz rasant wächst, stehen Hunderttausende Mas­ten, die meist noch mit Dieselaggregaten betrieben werden“, erklärt Naumann. Um Signale zu senden, benötigen diese Masten schließlich selbst Strom. Hierzulande stammt dieser aus dem Netz. In den Entwick­lungsländern, wo es an Stromleitungen fehlt, übernehmen häufig Generatoren diese Aufgabe. „Wir können den Verbrauch an fossilen Brennstoffen mit unseren Turbinen enorm senken, eventuell auch im Zusammenspiel mit Photovoltaik und Brennstoffzellen.“

Mithilfe des Vertriebsnetzes von Vodafone & Co. könnte so irgendwann eine geballte Auftragsladung zusammenkommen. „Warum sollten wir nicht perspektivisch 10000 Module pro Jahr in Schwellenländer liefern, die auch wirklich funktionieren und sich bereits nach zwei bis drei Jahren amortisieren? Allein in Indien gibt es 500000 Dieselmasten – und jedes Jahr werden es zehn Prozent mehr.“   ®

Autor: Dr. Günter Kast

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