• Gerd Hübner

Der Alchemist.

IbuTec 1Technologie. Ulrich Weitz verwandelt einfache Materialien in Hightech-Werkstoffe. Und machte so aus einem kleinen, ehemals volkseigenen Betrieb einen global erfolgreichen Zulieferer der Industrie. Besonders gut kommen die Produkte seiner Firma IBU-tec im Zukunftsmarkt der Batterietechnik an.

Das mit dem Pulsationsreaktor ist so eine Sache. Ingenieure können Stunden davon erzählen, ohne dass Laien ein Wort verstehen. Ulrich Weitz macht es einfach. „Ich erkläre das am liebsten am Beispiel einer Lasagne. Wenn Sie diese in den Ofen schieben, ist die Füllung in einem vergleichsweise flüssigen Zustand. Über einen thermischen Prozess kommt dann Energie in die Lasagne, und ihr Aggregatszustand verändert sich. Je besser der Ofen, desto besser schmeckt sie am Ende.“

Weitz und seine Firma IBU-tec haben mit dem weltweit einzigartigen Pulsationsreaktor den besten Ofen. „Wir besitzen alle wesentlichen Patente. Damit und mit unseren Drehrohröfen sind wir in der Lage, ultrafeine Pulver zu produzieren und deren Eigenschaften zu beeinflussen.“ Die jeweiligen Materialien können dann von Weitz’ Kunden noch schneller und effizienter bearbeitet werden. „Mit anderen Worten: Die Lasagne wird einfach noch besser.“ 

Das Unternehmen mit Sitz in der beschaulichen thüringischen Stadt Weimar stellt unter anderem katalytische Materialien für die Luftreinigung und die chemische Industrie, keramische Werkstoffe für Hüftgelenke oder Dentalprodukte sowie für die Elektromobilität und die Energiespeicherung her.

Jedes Jahr behandelt und veredelt es Materialien im Wert von 290 Millionen Euro. Dabei wächst vor allem der Bereich Batteriewerkstoffe rasant. „Denn der Herstellungsprozess für die Werkstoffe, die in einer Batterie eingesetzt werden, entscheidet darüber, wie langlebig und leistungsfähig diese ist“, erklärt Weitz. „Und diesen Prozess können wir mit unserem Technologieverständnis direkt beeinflussen.“ 

Kein Zweifel, Ulrich Weitz hat in den vergangenen 20 Jahren etwas ganz Besonderes aufgebaut. „Hier in Ostdeutschland findet sich ja hauptsächlich Produktion. Einen Know-how-Träger wie IBU-tec, zu dem sowohl DAX-Unternehmen wie auch internationale Konzerne nach Weimar kommen, müssen Sie hier aber lange suchen“, sagt er stolz. 

Die abenteuerliche Geschichte der Firma begann schon 115 Jahre vor der Ära Weitz. Weil es in der Region Travertin, einen hellen Kalkstein, gibt, entsteht dort 1885 unweit des Steinbruchs, in dem der Kalk abgebaut wird, ein Steinmetzbetrieb. Dort werden die Kalkplatten geschliffen und als Fensterbänke in Häuser eingesetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg stellt dann ein volkseigener Betrieb aus dem in sehr reiner Form vorhandenen Kalk unter anderem Filter für Atemschutzmasken her. Als sich 1974 der Einsatz von Kalk für diese Anwendung nicht mehr lohnt, endet dieser erste Teil der Geschichte. 

In der Folge wird auf dem Gelände in Zusammenarbeit mit der Bauhaus Universität Weimar eine Forschungs- und Entwicklungseinrichtung für Zement errichtet. „Damals wurden hier Zement- und Drehöfen gebaut. Ingenieure und Chemiker der Universität begannen da­ran zu forschen, wie Produkte besser und schneller abgebunden werden konnten“, erzählt Weitz. Mit dem Mauerfall ist auch diese Episode beendet. Doch nun entschließen sich der ehemalige Institutsdirektor und ein Kollege aus Westdeutschland, das Gelände samt Gebäude und Anlagen zu kaufen. „Das war damals schon mutig. Es sah dort noch aus wie nach dem Krieg. Die Gebäude waren ja nie restauriert oder erneuert worden“, erzählt Weitz. 

Die neuen Eigentümer gründen das Ins­titut für Baustoffe und Umwelttechnologie – IBU-tec. Sie entwickeln Ideen für Produkte im Materialbereich, beantragen Fördermittel – und wenn die entsprechende öffentliche Stelle diese für interessant genug hält, stellt sie Geld zur Verfügung. „Der Haken daran war, dass sich niemand um konkrete Anwendungen Gedanken machte, ganz zu schweigen davon, dass jemand an den Vertrieb dachte“, so Weitz. Bis zum Jahr 2000 lebt die Firma so von staatlichen Fördergeldern. In der Wirtschaftskrise nach dem Platzen der New-Economy-Blase muss die öffentliche Hand aber sparen. „Die staatlichen Fördermittel wurden zusammengestrichen. Und weil die Firma zu diesem Zeitpunkt hoch verschuldet war, wollten die beiden verkaufen.“

Genau zu diesem Zeitpunkt ist der gebürtige Weimarer Ulrich Weitz selbst auf der Suche nach einem Unternehmen. „Es ist schon immer mein Plan gewesen, mich mit etwa 40 Jahren selbstständig zu machen.“ Nach seinem Maschinenbaustudium hatte Weitz zunächst für den Aufzughersteller Otis in Berlin gearbeitet, danach in der Otis-Zentrale in Paris, wo er für insgesamt 22 Fabriken zuständig war. Anschließend wechselte er zu dem Maschinenbauer Winkler und Dünnebier. „Dort bestand meine Aufgabe vor allem darin, das Unternehmen fit für den Börsengang zu machen.“ 

So hat er bis zum Jahr 2000 alle notwendigen Kenntnisse erworben, um selbst ein Unternehmen aufzubauen und zu leiten. „Ich habe sofort gesehen, welch ein wertvolles Asset IBU-tec besaß – sie hatten den Pulsationsreaktor entwickelt und patentiert. Ich dachte mir, dass sich daraus mit einem professionellen Management und Vertrieb ein funktionierendes Geschäft aufbauen lässt.“

Im Jahr der Übernahme macht IBU-tec mit 13 Mitarbeitern etwa 150000 Euro Umsatz. Weitz nimmt einen Kredit auf und kauft die Firma. Über den Kaufpreis wird – natürlich – Stillschweigen vereinbart. „Wichtig war dabei, dass auf dem Werksgelände Immobilien standen“, erzählt er. „So hatte ich Sicherheiten, die mir die Kreditaufnahme ermöglichten.“ 

Nun sind seine Managementfähigkeiten gefragt. „Es ging zunächst darum, eine erfolgversprechende Strategie für die Firma zu entwickeln, um die finanzielle Ausstattung, aber auch den Aufbau eines Controllings, des Personalwesens oder des Qualitätsmanagements.“ Reichlich vorhanden waren wissenschaftliche Ideen. Dabei die Spreu vom Weizen zu trennen, sei nicht einfach gewesen. „Ich bin ja kein Verfahrenstechniker, aber ich konnte mir diese Kompetenz zukaufen, wobei die Nähe zur Bauhaus Universität hilfreich war. Unser erstes Produkt war katalytisches Pulver für die Autoindustrie. Wir begannen also, keramische Körper für Katalysatoren herzustellen.“ 

Die unternehmerische Strategie von Ulrich Weitz hatte ihr Fundament schon damals in dem starken Bereich Forschung und Entwicklung (F&E). Diesen stellt der Unternehmer seinen Kunden zur Verfügung. Das funktioniert so: Ein Unternehmen will zum Beispiel Batteriewerkstoffe für Elektromotoren herstellen. „Es hat dann selbst genaue Vorstellungen über Eigenschaften des Materials, das es für die Herstellung benötigt. Der Partner kennt also das Endergebnis, weiß aber nicht genau, wie er dort hinkommt. Und der Aufbau eines eigenen Versuchslabors ist meist zu teuer. Deshalb kommen wir ins Spiel“, erklärt der Unternehmer. In seinen Labors tüfteln die Experten des Unternehmens zusammen mit dem Auftraggeber so lange, bis das Material die gewünschten Eigenschaften aufweist. 

IbuTec 2

„Die F&E-Aufträge sind also letztlich unsere Türöffner. Denn natürlich wollen wir danach auch die entsprechenden Werkstoffe und Materialien in größeren Mengen produzieren. Schließlich sind dort die Gewinnmargen viel höher. Deshalb haben wir in den vergangenen Jahren die Kapazität unserer Öfen und Reaktoren immer weiter ausgebaut. Und vor allem der Pulsationsreaktor bringt uns, da er einzigartig ist, große Vorteile.“

Erst wenn ein Produkt in den Massenmarkt geht und die Kapazitäten von IBU-tec übersteigt, investieren die Auftraggeber in der Regel in eigene, größere Produktionsanlagen. Planung und Bau solcher Anlagen gehören dann auch zum Dienstleistungsspektrum von IBU-tec.

Bei der Umsetzung dieser Strategie ist Weitz mittlerweile schon ganz schön weit gekommen. Im Jahr 2000 trug der F&E-Bereich noch 90 Prozent zum Umsatz bei, heute sind es nur 70 Prozent. Und aus 13 Mitarbeitern und 150000 Euro Umsatz wurden 250 Angestellte, 48,5 Millionen Euro Umsatz und 7,1 Millionen Gewinn.

Voraussetzung dafür waren stetige Inves­titionen. Insgesamt hat Weitz im Lauf der Jahre 33 Millionen Euro für elf Drehrohröfen und neun Pulsationsreaktoren sowie neue Lagerhallen und die Erweiterung des Geländes in die Hand genommen. Dabei aber auch stets auf die finanzielle Stabilität seiner Firma geachtet. „Wir haben das alles ausschließlich aus dem Jahresüberschuss finanziert. Unsere Eigenkapitalquote liegt immer noch bei rund 60 Prozent.“ 

Weil dabei aber auch schnell klar wurde, dass Wachstum über Zukäufe sich so nicht finanzieren ließ, begann Weitz schon 2008 damit, sich und sein Unternehmen auf einen Börsengang vorzubereiten. „Für mich liefert der Kapitalmarkt die ideale Voraussetzung, um anorganisch wachsen zu können.“

2017 entscheidet er dann, diesen Schritt zu wagen. Als erstes Unternehmen wird IBU-tec in das speziell für kleinere Unternehmen geschaffene Börsensegment Scale aufgenommen. Über eine Kapitalerhöhung – Ulrich Weitz hält seitdem 70 Prozent an IBU-tec – erlöst er 16,5 Millionen Euro. Mit diesem Kapital übernimmt er die BNT Chemicals GmbH, einen Spezialisten für nasschemische Verfahren. Damit ist IBU-tec nun auch in der Lage, flüssige chemische Prozesse einzusetzen, um Pulver herzustellen, zum Beispiel für die Pharmaindustrie. „So konnten wir unser Angebot im Bereich der thermischen Verfahrenstechnik ergänzen.“ 

Inzwischen hat die Firma vier Standorte und besetzt wichtige Zukunftsmärkte. „Das ist für uns vor allem deshalb wichtig, weil wir wissen, dass das Geschäft mit Autokatalysatoren nach dem Dieselskandal nicht mehr weiter wachsen wird“, so Weitz. „Die Produktion von Katalysatoren für die Luftreinigung in der chemischen Industrie, die Belieferung der Pharmaindustrie und vor allem der Bereich Batteriematerialien werden deshalb zunehmend wichtiger.“ Dass dieses Konzept aufgeht, zeigte sich schon im vergangenen Jahr, als das Wachstum bei den Batteriewerkstoffen den Rückgang bei den Autokatalysatoren kompensierte. 

Eigentlich hätten sie in Weimar deshalb in diesem Jahr ein weiteres Kapitel ihrer Erfolgsgeschichte schreiben wollen. Schließlich hatte Weitz Produktionskapazitäten aufgebaut. Sich gerüstet für einen Nachfrageboom der Batteriehersteller. Doch mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie kommt nun die gesamte wirtschaftliche Aktivität ins Stocken. Und der weitere Ausblick ist erst einmal mit einem großen Fragezeichen versehen. 

Es ist nicht die erste unternehmerische Herausforderung, die Weitz bestehen muss. „In der Finanzkrise hatten wir einen Umsatzrückgang um 45 Prozent in nur 14 Tagen“, erzählt er. „Damals ging es darum, Liquidität zu sichern. So schmerzhaft es war – wir mussten Mitarbeiter entlassen, haben so aber auch im Krisenjahr noch einen positiven Cashflow erwirtschaftet.“ 

Im Vergleich zu dieser Zeit sieht es diesmal bei IBU-tec noch gar nicht so dramatisch aus. Es habe bislang nur geringe Modifizierungen und Verschiebungen bei den für die kommenden Monate avisierten Aufträgen von Kundenseite gegeben, informiert Weitz im April. „Die breite Diversifizierung unseres Unternehmens mit mehreren Hundert Einzelprojekten pro Jahr und einer Vielzahl von Kunden aus den unterschiedlichsten Branchen zahlt sich jetzt aus.“

Wichtig ist ihm nun vor allem eine konsequente und offene Informationspolitik gegenüber seinen Mitarbeitern. Zudem trägt er dafür Sorge, dass die Gesundheit seiner Mitarbeiter geschützt und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen eingehalten werden. Und falls es doch schlimmer wird? „Ich denke, dass uns unsere gesunde finanzielle Basis dann helfen würde, eine Finanzierung zu bekommen, die das Überleben der Firma sichert.“ 

Seine strategischen Ziele hat der Unternehmer deshalb auch nicht aus den Augen verloren. „Wir wollen weiter wachsen und insbesondere die Internationalisierung vorantreiben“, sagt er. In dieser Hinsicht kann er auch schon auf erste Erfolge verweisen. Während IBU-tec zum Zeitpunkt des Börsengangs noch 95 Prozent des Geschäfts mit deutschen Kunden gemacht hat, kommen inzwischen 15 bis 20 Prozent der Aufträge aus dem Ausland. Und auch im wichtigen Bereich Batteriewerkstoffe hat Weitz bereits einen ersten asiatischen Auftraggeber gewonnen. „Natürlich ist jetzt alles mit viel Unsicherheit behaftet, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass der Megatrend Elektromobilität nun beendet wird. Wir haben hier eine jährliche Produktionskapazität von 3000 bis 4000 Tonnen aufgebaut, von der wir derzeit nur etwa zehn Prozent nutzen. Wenn dieses Thema wieder Fahrt aufnimmt, sind wir da.“  

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// How to invest in IBU-tec.

Der Ausgabekurs der IBU-tec-Aktien lag 2017 bei 16,50 Euro. Damit kam die Firma auf einen Marktwert von 66 Millionen Euro.

Bis 2019 gelang es Ulrich Weitz – vor allem durch den Kauf von BNT –, den Umsatz von 16,8 auf 48,5 Millionen Euro zu steigern. Der Aktienkurs kletterte knapp über 21 Euro.

In der Corona-Krise verloren IBU-tec-Aktien massiv an Wert. Im Tief Mitte März notierte der Titel nur noch bei 7,70 Euro. Mitte Mai war IBU-tec bei einem Kurs von 11,50 Euro wieder 46 Millionen Euro wert. Sollte es gelingen, 2021 wieder auf den alten Wachstumspfad zurückzukehren und das mögliche Wachstum im Bereich Elektromobilität zu realisieren, wären perspektivisch Umsätze von weit über 50 Millionen Euro möglich. Ein Investment auf dem aktuellen Niveau wäre dann interessant.

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Autor: Gerd Hübner 

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