• Dr. Günter Kast

Big fish – Big business.

Fishing 1Touristik. Der Argentinier Fernando de las Carreras, 53, hat sein Unternehmen Nervous Waters zu einer der weltweit besten Adressen für Fliegenfischer gemacht. Und darum herum ein exklusives Reise-Imperium aufgebaut. Das Geschäft floriert unter anderem deshalb, weil sich in den exklusiven Lodges auch die Ehefrauen der Angler wohlfühlen – und deshalb gern mitreisen oder sogar selbst fischen.

Er kann es noch, auch wenn er inzwischen nur selten die Zeit dafür findet: Als ob es das Einfachste der Welt wäre, lässt Fernando de las Carreras seine Kunstfliege genau dort am gegenüberliegenden Ufer des Rio Grande auf dem Wasser aufsetzen, wo er sie haben möchte. Seine Zweihandrute behandelt er dabei so liebevoll und virtuos wie ein Weltklasse-Geiger seine Stradivari.

Der für Feuerland typische Sturm, der das Werfen für einen Durchschnitts-Angler hier unten zu einer peinlichen Slapstick-Aufführung machen kann, ist für ihn kein Problem. Fernando ist den starken Wind gewohnt. Er kennt ihn, seit er als Jugendlicher am Rio Menéndez, einem Nebenfluss des Rio Grande, erstmals eine Angel in die Hand nahm. Seit er mit 15 dort seine erste Forelle mit der Fliegengerte fing.

Feuerland, das 1881 in einen östlichen Teil – Argentiniens Provinz Tierra del Fuego – und einen westlichen Teil – Chiles Region Magallanes – aufgeteilt wurde, gilt vielen heute als das Ende der Welt. Um die Wende zum 20. Jahrhundert war das noch ganz anders. Die Südspitze Südamerikas, durch die Magellanstraße vom Festland getrennt, war ein Dreh- und Angelpunkt. Sämtliche aus Europa kommenden Schiffe, die die Westküste Amerikas zum Ziel hatten, mussten hier vorbei.

Der florierende Handel und die einträgliche Schafzucht erlaubten es auf chilenischer Seite zum Beispiel dem Familien-Clan der Braun-Menéndez, ein regelrechtes Imperium zu errichten – Estancias, Walfangflotten, Schlachthöfe, Bergwerke, Reedereien, Importgesellschaften und Banken. Sogar die südlichste Eisenbahn des Kontinents gehörte dazu. Das Gebiet von den Ausmaßen Belgiens – die Ländereien umfassten drei Millionen Hektar – war der größte zusammenhängende Grundbesitz, den es jemals in Chile gab. Auch Argentinien, damals das siebtreichste Land der Welt, profitierte in hohem Maß, bis dann die Eröffnung des Panamakanals im Jahr 1914 dem Wirtschaftswunder im Süden des Kontinents ein abruptes Ende bereitete. Die Magellanstraße wurde nicht länger gebraucht.

Feuerland versinkt nun im Dornröschenschlaf. Bestenfalls ist es noch ein Sommerferienziel für wohlhabende Argentinier. So hält es zu Beginn der 1980er-Jahre auch Jacqueline de las Carreras, die in einer adeligen Familie in Buenos Aires aufwächst und in Tierra del Fuego die Estancia Retranca besitzt.

Dort hört sie, dass ein Amerikaner namens John Goodall 1935 in zwei Zuflüssen des Rio Grande 60000 Forelleneier ausgebracht hat. Die Nachkommen dieser Brut sollen inzwischen zu enormer Größe herangewachsen sein.

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Jacqueline de las Carreras versteht zwar absolut nichts vom Sportfischen. Sie könnte selbst auch gar nicht angeln, weil sie mit 15 Jahren an Kinderlähmung erkrankte, nur zwei Jahre vor Entwicklung der Impfung, und seither auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Aber die geschäftstüchtige und resolute Jacqueline, deren Familie primär von der Schaf- und Rinderzucht lebt, ahnt: Für Fliegenfischer aus den USA müsste das eine Attraktion sein.

Sie berät sich mit ihrem Sohn Fernando. Der gut aussehende Teenager sieht seine Mission für den Sommer eher darin, hübsche Mädchen zu jagen anstatt glitschige Forellen. Aber er verspricht, darüber nachzudenken. Ein befreundeter Angler macht Fernando kurz darauf mit der grauen Eminenz des Fliegenfischens in Argentinien bekannt, dem Guide und damaligen Generalimporteur für Orvis-Ruten, Jorge Donovan. „Er brachte das Flugangeln ins Land. Und er war der Ers­te, der US-Amerikaner als zahlende Gäste mit zum Fischen nahm“, erinnert sich Fernando. „Ich war sein letzter Schüler.“

Warum sollte das, was weiter nördlich in Patagonien funktionierte, nicht auch hier unten am Rio Grande klappen? Donovan schlägt vor, am Fluss eine Hütte mit sechs Betten zu bauen. Ihre Lodge – sie hatten noch nie zuvor eine solche betreten – soll Kau Tapen heißen. Das bedeutet „Haus der Fische“ in der Sprache der früher hier siedelnden indigenen Ona, die von den Spaniern ausgerottet worden waren.

Schwierig ist nur, dass für den Bau einer Lodge Holz benötigt wird, das es im nahezu baumlosen Feuerland nicht gibt. Also lässt Jacqueline die Herberge im Norden Patagoniens zimmern und ihre Einzelteile auf Lastwagen nach Feuerland bringen, wo sie am Fuß eines Hügels mit Blick zum Fluss wieder aufgebaut wird. 1984 ist die erste Saison, Jacqueline übernimmt den Part der Gastgeberin. Sie stellt einen mürrischen Koch ein und heuert Guides an. Einer kommt aus Minneapolis. Er liest auf dem Flug nach Argentinien noch schnell ein Buch über Meerforellen, um wenigstens ein bisschen Wissen mitzubringen.

Auch der junge Fernando muss als Guide einspringen. Immerhin kann der Absolvent einer englischsprachigen Privatschule mit den US-Gästen ordentlich kommunizieren. Mehr noch: Jacqueline macht ihrem Spross klar, dass sie selbst gar nicht in den Angeltourismus einsteigen will. Sie sieht die kleine Lodge eher als Existenz für Fernando und dessen Bruder. „Sie ermutigte uns damals, den Schritt in das Unternehmertum zu wagen“, erinnert sich Fernando. „Wir liehen uns Geld von ihr, um die Miete für die Hütte zu bezahlen. So ist es übrigens noch heute: Kau Tapen gehört meiner inzwischen 83-jährigen Mutter – ich bin nur der Mieter.“

Die Premiere verläuft durchwachsen. Reisen für Flugangler sind damals ein noch ziemlich exotisches Produkt. Nur zwölf Fischer finden im ersten Sommer den Weg nach Feuerland, 18 in der zweiten Saison. Die ersten Gäste sind ein schon ziemlich betagter Methodistenpfarrer und dessen Bruder aus den Vereinigten Staaten. Meerforellen fischen damals vor allem Briten und Skandinavier. Nur sind die Briten so kurz nach dem Falklandkrieg nicht willkommen und auch nicht besonders motiviert.

Dennoch spricht es sich in der Szene schnell herum, dass am „fin del mundo“, am Ende der Welt, die größten Forellen des Planeten warten. Bald schon öffnen konkurrierende Lodges: Immerhin bezahlen Angler eine Menge Geld – heute sind es 8000 US-Dollar für eine der besten Wochen in der Saison.

Fishing 3Dennoch gelingt es Fernando – sein Bruder steigt bald aus –, Marktführer zu bleiben und das Geschäft sogar auszubauen. Am Rio Grande eröffnet er die Lodge Villa Maria, die ebenfalls die Chance bietet, eine Weltrekord-Forelle an den Haken zu bekommen. Die Pirá Lodge in Nord-Argentinien, wo Golden Dourados geangelt werden, lässt er 1999 bauen, als noch niemand diese kampfstarke Fischart auf dem Radar hatte.

Als er dann von Gästen hört, dass sie eine erstklassige Unterkunft auf den Bahamas vermissen, begibt er sich auf einen 30-tägigen Scouting-Trip. Fernando klappert Insel für Insel ab, um die bes­ten Fischplätze zu finden. Stellt sicher, dass die Lodges bequem zu erreichen sind. Macht eine länderspezifische Risikoanalyse. Holt Experten ins Boot, die die Bahamas gut kennen. Und baut dann mit den Unterkünften Bair’s und Abaco zwei Traum-Destinationen für Fliegenfischer auf. Seine Firma, an der er 60 Prozent der Anteile hält, sein Studienfreund Santiago Blaquier den Rest, nennt er nun „Nervous Waters“ – Fliegenfischer bezeichnen so jene Stellen im Fluss, an denen durch Strömung und Beschaffenheit des Flussbetts kurze, „nervöse“ Wellen entstehen, an denen sich Fische bevorzugt aufhalten und auf Beute lauern.

Da vier Fünftel seiner Gäste nicht nur fischen, sondern auch jagen, widmet Fernando sich bald zusätzlich diesem Gebiet. Zu seinem Portfolio gehören heute „David Denis“ (Lodges für Schrotflinten-Flugwildjäger in Córdoba, nahe Buenos Aires und in Uruguay) sowie „Red Stag Patagonia“ (Lodges für Rotwildjäger in Mendoza, nahe Buenos Aires, Junín de los Andes und in der Valle Central in Chile). Auf das Jagdgeschäft entfällt mittlerweile rund die Hälfte des Gewinns von Nervous Waters.

Nach seinem Erfolgsgeheimnis gefragt, schüttelt Fernando den Kopf. „Da gibt es kein Patentrezept. Es war mir stets wichtig, unsere Kunden glücklich zu machen und ihnen den besten Service zu bieten. Das geht nur mit harter Arbeit. Wenn ich in einem anderen Leben noch einmal einen Beruf wählen müsste, wäre ich gern der Butler auf einem großen Gut wie in ,Downton Abbey‘. Ich habe wohl so etwas wie ein Butler-Gen in mir.“

Eine Sache ist trotzdem erwähnenswert. Viele seiner Kunden haben offenbar mehr Geld als Zeit. Die ersehnte Woche Angelurlaub führt daher häufig zu Dis­kussionen innerhalb der Familie. „Ich habe mir deshalb überlegt, was ich bieten müsste, damit die Ehefrauen ihre Männer begleiten.“

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Er hebt Service, Ausstattung und Küche seiner beiden Lodges auf Fünf-Sterne-Niveau, arbeitet nur noch mit den renommiertesten Guides und Köchen, den modernsten Booten und Fahrzeugen und lässt die besten argentinischen Weine entkorken. Das Konzept funktioniert. Anfangs reisen viele Frauen nur mit, um zu lesen, später finden sie dann selbst Gefallen an den großen Forellen. Heute gehören viele Paare, vor allem aus den USA, zu den Stammgästen. „Drei von fünf Gästen kommen wohl auch deshalb wieder, weil wir die Ersten in der Branche waren, die sich um die Damen kümmerten. Die Paare erzählen Freunden von ihren schönen Erlebnissen. Mundpropaganda ist auch im digitalen Zeitalter noch immer unser wichtigstes Marketinginstrument.“

Natürlich halfen auch prominente Namen unter den Kunden. Kau Tapen bekam unter anderem Besuch von Ex-Fed-Chef Paul Volcker, US-Vize-Präsident Dick Cheney und George Bush senior. Fernando muss schmunzeln, wenn er an die Bush-Visite denkt. Normalerweise spreche er ja nicht über VIP-Gäste, aber von Bushs Besuch hatten einige Medien ohnehin Wind bekommen: „Wir wollten alles perfekt machen. Aber niemand im Weißen Haus hatte uns gesagt, dass er Linkshänder ist. Nun sind aber die bes­ten Stellen auf unserer Seite des Rio Grande viel einfacher für Rechtshänder zu befischen. Also mussten wir auf die andere Seite. Bushs Guide blieb nichts anderes übrig, als mit ihm den Fluss zu überqueren. Das war natürlich gegen alle Vorschriften. Weil sie keine Wathosen hatten, waren die Security-Leute bald schon blau vor Nässe und Kälte. Bush fing dann zum Glück eine schöne Meerforelle. Der Pool ist seither nach ihm benannt.“

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Und wenn der hohe Gast keinen Fisch gefangen hätte? „Gerade weil wir Wetter und Beißverhalten nicht steuern können, ist es so wichtig, alles andere perfekt zu machen. Ein zartes Steak und ein kräftiger Malbec aus Mendoza bieten Trost nach einem schwierigen Tag am Wasser.“

Heute besitzt Fernando de las Carreras 21 Lodges und macht damit mehrere Millionen US-Dollar Umsatz im Jahr. „Unser Ziel ist es, jedes Jahr eine weitere Lodge hinzuzufügen, eventuell auch zwei.“ In zehn Jahren wären das also insgesamt 30 bis 35 Lodges. „Aber wir expandieren nur, wenn alles passt: Location, Fisch- und Jagdgründe, möglichst exklusiver Zugang für unsere Gäste. Es gibt keinen Wachstumsplan, dem wir uns verpflichtet fühlen.“ Vor allem die Fischerei auf Golden Dourados habe großes Potenzial: „Wir haben ja bereits vier Lodges dafür und müssen diese Betten natürlich erst füllen. Aber das ist nur eine Frage der Zeit. Außerdem könnte ich mir vorstellen, diese Idee auch in andere Länder zu transportieren.“ Schnell wachsen würden auch die Lodges für Flugwildjäger: „Wir erhöhten die Bettenzahl dort bereits um 30 Prozent. Es wird noch eine Lodge für Taubenjäger geben und eine weitere für die Entenjagd, zusätzlich zu den vier bereits bestehenden.“ Fernando geht es nicht darum, möglichst viele Lodges zu besitzen. Es sollen die besten sein: „Haben wir das Gefühl, dass es nicht mehr passt, weil zum Beispiel die Fische ausbleiben, machen wir die Lodges dicht – das war aber in 33 Jahren erst zwei Mal der Fall.“

Schwierig findet er eigentlich nur Themen, die er selbst nicht steuern kann. So wurde eine seiner beiden Lodges auf den Bahamas – Abaco – am 1. September 2019 komplett zerstört, als Hurrikan Dorian Great Abaco Island verwüstete. Das Gebäude war zwar versichert, aber die Mitarbeiter verloren ihre Jobs. Fernando initiierte sofort ein Hilfsprogramm für die betroffenen Familien, spendete selbst und rief auch seine Gäste dazu auf. Dabei kam immerhin eine niedrige sechsstellige US-Dollar-Summe zusammen. Im Oktober 2019 war er vor Ort: „Wir wissen noch nicht, ob wir die Lodge wieder aufbauen können und wollen. Es sieht dort schrecklich aus. Alles, wirklich alles wurde zerstört.“

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Dass im gleichen Monat der liberalkonservative Präsident Argentiniens abgewählt wurde und seinem Land nun – wieder einmal – Hyperinflation und Staatsbankrott drohen, belastet ihn dagegen kaum. Schließlich kommen nahezu alle Kunden aus dem Ausland und bezahlen in harter Währung. „An die Krisen zu Hause haben wir uns gewöhnt.“

Er ist ganz offensichtlich mit sich im Reinen, dieser Fernando de las Carreras. Mutter Jacqueline ist jetzt 83 Jahre alt. Ihr Leben sind die Enkel und ihre Stiftung, die Menschen mit Behinderung hilft, einen Job zu finden. Fernandos Töchter sind elf und 13 – noch zu jung, um sie an die Firma heranzuführen. „Keine Ahnung, ob sie einmal Tänzerinnen oder Ärztinnen werden. Wenn ihnen nicht gefällt, was ich ihnen übergebe, können sie Nervous Waters verkaufen. Naja, ich selbst werde auf jeden Fall nicht verkaufen, solange mich niemand dazu zwingt.“

Dann wirft er seine Fliege aus. Am Rio Grande, wo alles mit einer kleinen Hütte begann. Wo der Wind manchmal so stark bläst, dass die Türen seiner Landcruiser, mit denen die Gäste zum Fluss gefahren werden, aus der Verankerung gerissen werden. „Ich liebe dieses Gefühl, wenn die Leine im Wasser verschwindet. Jede Sekunde kann ich hier einen Weltrekordfisch haken. Die Überraschung, das in den Körper strömende Adrenalin – das ist es doch, was Leben ausmacht, oder?“ ®

Autor: Dr. Günter Kast

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