• Mariella Bauer

Farbenreich.

Kremer 1Exklusivität. Wenn die Erste Liga der internationalen Museen und Künstler nach historischen Farben sucht, reist sie in die schwäbische Provinz. Dort macht das Familienunternehmen Kremer Millionenumsätze mit einzigartigen Farbpigmenten.

Als Kind habe er Steinbrüche irgendwann nicht mehr sehen können, sagt David Kremer. Mittlerweile hat sich das zum Glück gegeben. Geht der Juniorchef des Allgäuer Unternehmens Kremer Pigmente heute auf Reisen, bringt er zentnerweise Gestein oder farbige Erden nach Aichstetten, in die tiefe schwäbische Provinz. Denn der 37-jährige gelernte Fotograf ist ebenso wie sein Vater, der 72-jährige Firmengründer Georg Kremer, fasziniert von dem, was sich daraus machen lässt: Farbpigmente.

„Unsere Spezialität ist die Herstellung von teilweise jahrhundertlang vergessenen Pigmenten aus Rohstoffen wie Erden, Steinen, Knochen, Pflanzen oder Mineralien“, erklärt David Kremer, der heute gemeinsam mit seinem Vater die Geschäfte führt. Pigmente, die bei Künstlern wie dem Deutschen Anselm Kiefer oder Museen wie dem New Yorker Guggenheim, dem Getty Research Institute in Los Angeles, dem französische Louvre, dem spanische Prado oder den Münchner Pinakotheken begehrt sind. 

Entstanden ist diese lukrative Geschäftsidee eher zufällig. Mitte der 1970er-Jahre suchte ein befreundeter Restaurator für die Himmelsdarstellung in einer mittelalterlichen englischen Kirche nach einem bestimmten Blau. Ein Blau, das die auf chemische Farben fokussierte Industrie nicht mehr produzierte. Georg Kremer, damals Angestellter im Bereich analytische Chemie der Universität Tübingen, „hatte keine Ahnung von der Farbherstellung“. Doch sein Interesse war geweckt. 

Kremer wälzte Bücher und fand eine Rezeptur von 1820 für das von Barockmalern verwendete „Smalte“. Dieses Pigment lässt sich aus intensiv tiefblau gefärbtem Kobaltglas gewinnen. Je feiner das Glas zermahlen wird, desto blasser fällt der Farbton aus. In seinem zum Labor umfunktionierten Keller tüftelte der promovierte Chemiker an der Herstellung der Smalte-Pigmente. Mit Erfolg. Das Farbpigment ergänzte perfekt das sakrale Himmelsgewölbe.

Im Netzwerk des Restaurators machte nun schnell die Runde, dass da in Tübingen ein Chemiker sei, der sich gern in die Produktion historischer Pigmente vertiefe. Tatsächlich war Kremer durch das Herstellen von Smalte auf den Geschmack gekommen. „Mein Vater begab sich auf Farbreise“, erzählt David Kremer. Er tüftelte an vergessen geglaubten Farbpigmenten und besuchte mit einem kleinen Köfferchen voller Pigmente alle wichtigen Fachmessen in Europa. Aus dem Kellerhobby wurde ein Unternehmen. 

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Mit rund 25000 Mark Eigenkapital gründete der Chemiker 1977 Kremer Pigmente. Die ersten 15 Jahre bestand die Firma nur aus dem Gründer und zwei Angestellten. Heute hat sie fast 50 Angestellte, zwei Verkaufshäuser in New York und München und macht rund vier Millionen Euro Umsatz im Jahr. „Mit einem jährlichen Wachstum von fünf Prozent“, sagt David Kremer. „Alles aus Eigenmitteln finanziert, ohne einen einzigen Bankkredit.“ 

Der Umsatz verteile sich annähernd hälftig auf Deutschland und das Ausland, angeführt von den USA, dann Frankreich, Italien, England und der Schweiz. Passte anfangs das Sortiment auf eine Katalogseite, umfasst es heute 260 Seiten mit rund 6000 Produkten. „Wir produzieren allerdings nur das selbst, was wir nicht in besserer Qualität am Markt einkaufen können“, erklärt David Kremer. So werden von den über 1500 Pigmenten rund 250 in Handarbeit in der eigenen Farbmühle gefertigt. Daneben verkauft Kremer auch moderne, synthetisch hergestellte Pigmente, zudem alte Lacke und Öle, Kunstharz, Binde- und Lösemittel, Werkzeuge, Pinsel und Fachliteratur. „Doch die Eigenproduktion ist natürlich unser Alleinstellungsmerkmal.“

Vor allem, wenn es um Denkmalpflege, Restaurierung und anspruchsvolle Malerei geht, gehen die Kunden keine Kompromisse ein. Dann ist der Besuch beim Weltmarktführer in diesem engen Segment Pflicht. Rohstoffe aus aller Welt werden hier in aufwendiger Handarbeit zu feinen Pigmentpulvern zermahlen, gesiebt, gekratzt oder gefiltert.

Seit den 1980er-Jahren ist die Manufaktur in einer aus dem 17. Jahrhundert stammenden Getreidemühle in Aichstetten zu Hause. Die marode Mühle wurde damals mithilfe der ganzen Familie renoviert, der unter dem Haupthaus fließende Aitracher Mühlbach gesäubert und die 100-jährige Turbine wieder zum Laufen gebracht.

Heute versorgt sie das Unternehmen mit Strom. Für den Mahlprozess wurde zudem eine italienische Presse, ein sogenannter Kollergang, mit zwei aufrecht stehenden, schweren Scheiben, die sich auf einer Bodenplatte drehen, nach Aichstetten gebracht. Hier werden nun Steine und Erdklumpen zerrieben, wie beispielsweise der seit 8000 Jahren in Afghanistan abgebaute Lapislazuli. „Unsere örtlichen Scouts schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, wenn sie hören, dass wir die wertvollen Halbedelsteine  pulverisieren.“

Das aus dem Schmuckstein gewonnene Pigment haben die Unternehmer „Fra-Angelico-Blau“ benannt – nach dem Florentiner Renaissancemaler. Ein Kilo dieses Pigments kostet rund 16000 Euro. Obwohl die Eigenproduktion nur einen kleinen Teil der Produktpalette ausmacht, generieren Lapislazuliblau, Purpurrot und Veronesergrün rund ein Viertel des Umsatzes. Purpurrot, hergestellt aus einer im Mittelmeer vorkommenden Schnecke, ist mit einem Preis von 2000 Euro pro Gramm das teuerste Produkt. Elfenbeinschwarz, aus den Stoßzähnen von Elefanten gemacht, dürfen die Allgäuer nur unter strengen Auflagen des baden-württembergischen Regierungspräsidiums „verkohlen und verkaufen“. Ein Gramm für 5,70 Euro, „nicht richtig teuer“, dafür aber exklusiv. „Das machen eigentlich nur wir. Weltweit.“ 

Durch die guten Beziehungen zu Mitbewerbern, auch in der chemischen Farbenherstellung, können die Allgäuer ihre rund 200 000 gelisteten Versandkunden heute mit allem bedienen, was das Künstler- oder Restauratorenherz begehrt. Der größte Auftrag waren Pigmente für die sogenannte Sixtinische Kapelle des 21. Jahrhunderts, das 2008 fertiggestellte Deckengemälde im Genfer UNO-Saal der Menschenrechte. „Wir haben damals tonnenweise Pigmente verkauft“, erinnert sich der Juniorchef zufrieden, der im selben Jahr auch ins Unternehmen eingestiegen ist. 

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Als sein damals 60-jähriger Vater die Nachfolge im Unternehmen regeln wollte, hätten seine vier und zwei Jahre älteren Schwestern abgewunken. Kremer, der gerade sein Fotografiestudium in Berlin beendet hatte, kam mit spanischer Ehefrau und kleinem Sohn nach Aichstetten. „Für zwei Jahre, auf Probe.“ Er sei auf Messen mitgefahren, habe selbst Farbreisen gemacht, in Steinbrüchen gegraben, und sei so immer „ein Stück weiter hineingerutscht“.

Heute sind Vater und Sohn „ein eingespieltes Team“. Der Senior hält allerdings immer noch „prozentual die meisten Anteile“, die restlichen verteilen sich auf David Kremer und die beiden Schwestern. Die Zusammenarbeit funktioniert auch für den Juniorchef erstaunlich reibungslos. „Bei uns werden die Sachen ausdis­kutiert“, grinst er entspannt. Er habe sich entschieden, „langsam zu modernisieren und keine schnellen und radikalen Eingriffe vorzunehmen.“ 

Eine klare Aufgabenteilung zwischen Vater und Sohn „bräuchten sie nicht“. Sein Vater hat die 4000 Bände umfassende Fachbibliothek aufgebaut, ist sehr gut im Ausgraben „alter Rezepturen“, die Stärke des Sohns liege eher in der Kommunikation nach außen und dem Rohstoffhandel. „Das macht mir richtig Spaß.“ Ist die endgültige Stabsübergabe ein Thema? Nein, „mein Vater kann hier so lange mitarbeiten, wie er möchte“, meint der Juniorchef augenzwinkernd. Auch bei diesem Thema setzen die Schwaben auf Dialog anstelle von Konfrontation. 

Wie kreativ und anpassungsfähig das Unternehmen ist, zeigt sich in der gegenwärtigen Pandemie. „Zwar mussten wir die Ladengeschäfte in München und New York schließen, dafür machen wir richtig guten Umsatz mit Lösemitteln.“ Auch die im vergangenen Jahr herausgebrachten Einsteigersets für Aquarell- und Ölfarben zu jeweils rund 70 Euro erweisen sich nun als krisenfest.

„Wir verstehen uns als Wissensvermittler in diesem wachsenden Markt“, erläutert Kremer. Mit den Sets, bestehend aus drei unterschiedlichen Pigmenten, Bindemittel, Werkzeug und Anleitung, können interessierte Laien selbst Farben anrühren. Dass die Kremers damit im Trend liegen, unterstreicht der Creative Impulse Award 2020. Auf der Creativeworld, der internationalen Leitmesse für den Kreativmarkt, wurde das Set zum Künstlerprodukt des Jahres gekürt.

Weitere Ideen für die Zukunft? David Kremer überlegt etwas, steht auf und holt drei kleine Fläschchen mit Pigmenten. Helles Grün, sandiges Beige, mattes Rot. Er habe den Landschaftsmaler Peter Land auf Island besucht. Im Westen der Insel, in der Nähe des Vulkans Snaefellsjökull, hätte er dann zur Mittsommerzeit diese drei schönen Erdfarben gefunden. „Die gibt es nur dort. Rund um den Globus lassen sich noch viele solcher Orte finden. Ich muss bloß mit offenen Augen durch die Welt gehen.“  ®

Autorin: Mariella Bauer

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