• Dagmar Gehm

„Ich bin zu gerne Unternehmer.“

thumb VuralOeger 0555 2Comeback. Aus dem Nichts hatte Vural Öger einen Touristikkonzern mit 600 Millionen Euro Umsatz aufgebaut. Ende 2010 verkaufte er den größten Teil davon und zog sich ins Privatleben zurück. Drei Jahre später gründete er V.Ö. Travel – und feierte mit 71 Jahren sein Comeback: „Mir hat die Aufregung des Unternehmertums gefehlt“, sagt er, „das Leben ist doch viel zu lang, um nur eine Sache zu machen.“

„Ich habe es ja versucht“, zuckt Vural Öger mit den Achseln, „aber es ging einfach nicht.“ Drei Jahre lang hat sich der Touristikunternehmer nach dem Verkauf von Öger Tours, dem Touristikkonzern, der ihn bekannt und wohlhabend gemacht hat, eine Auszeit gegönnt, ist viel gereist. Dann hat er genug vom Ruhestand. „Ich dachte mir: Das kann doch nicht alles sein.“

Kurze Zeit später gründet Öger einen neuen Reiseveranstalter – V.Ö. Travel. „Das ganz große Rad will ich allerdings nicht mehr drehen. Ich möchte einfach noch einmal ein bisschen Spaß haben an einer neuen unternehmerischen Herausforderung.“

Die hat er vielleicht schneller bekommen, als ihm lieb ist. „Der aktuell wieder aufflammende Kurdenkonflikt und der Kampf gegen den IS bereitet mir tatsächlich große Sorge. Die daraus resultierende politische Instabilität wirkt sich natürlich negativ auf die Wirtschaft aus – nicht nur Investoren, sondern schlimmstenfalls auch Urlauber könnten dadurch abgeschreckt werden.“

Irritieren lässt sich Öger dadurch nicht. Eine Firma zu führen und zu besitzen gleiche doch meist einer Achterbahnfahrt. „Wenn jeder Unternehmer immer nur Geld verdiente, würde ja kein Mensch als Angestellter arbeiten wollen.“

Die Erfolgsgeschichte des Vural Öger beginnt 1960, als er neben seinem Ingenieursstudium im studentischen Reisebüro der TU Berlin jobbt. Ihn fasziniert die Welt des Reisens, die Fliegerei. Und er entdeckt eine Marktnische. Für die türkischen Gastarbeiter in Deutschland chartert er Flugzeuge, um sie in ihre Heimat zu bringen. Dafür gründet er 1972 mit 2000 Mark Startkapital in der Tasche die Firma Öger Türk Tur.

Rund eine Million Türken, die damals in Deutschland lebt, sind zunächst seine einzige Zielgruppe. Doch „es lag noch mehr in der Luft“. In den 1980er-Jahren erkennt Öger, dass die Türkei als Urlaubsziel für Deutsche immer interessanter wird. „Es war damals der letzte weiße Fleck im gesamten Mittelmeerraum.“

Vural Öger gründet 1982 Öger Tours. Rührt die Werbetrommel. Und versucht, das Image der Türkei in ein positives Licht zu rücken. „Wir haben Nachfrage erzeugt und konnten die Nachfrage bedienen“, erklärt er heute. Das Risiko sei dabei immer überschaubar geblieben. „Wir arbeiteten ja nicht gleich mit 100 Flugzeugen, sondern erst mit einem, dann mit zweien, und so weiter. Wir sind nach und nach gewachsen.“

Mit Augenmaß expandieren und die Risiken im Griff behalten, sind zwei wichtige Leitsätze des Unternehmers. Ein dritter: „Immer wieder etwas Neues versuchen, aber schnell die Reißleine ziehen, wenn es nicht funktioniert.“

1995 scheitert er zum Beispiel nach kurzer Zeit mit Öger Tours Frankreich. „Da habe ich zwar viel Geld verloren. Ich merkte aber relativ schnell, dass die Franzosen einfach nicht gern mit Deutschen zusammen Urlaub machen wollten. Auf keinen Fall waren sie scharf auf die türkische Riviera. Sie hatten einfach zu viele zu schöne Strände im eigenen Land.“ Zwei Jahre nach Gründung macht er Öger Tours Frankreich wieder dicht. „In jedem Geschäft geht es mal rauf, mal runter. Man muss die Nerven haben, Durchhaltevermögen haben, sowie den Willen und die Kraft, immer weiterzumachen.“

Diese Qualitäten besitzt Vural Öger ohne Zweifel. Als Touristiker in einer exponierten Region muss er die Golfkriege überstehen, den Terrorismus, Bomben-  > anschläge wie 1993 auf die Tourismushochburg Antalya. „Ein halbes Jahr lang gab es so gut wie keine Buchungen.“ Und schließlich die größtmögliche Katastrophe: der Absturz der Birgenair 1996 vor der Dominikanischen Republik. Alle 189 Passagiere kommen ums Leben – darunter auch Kunden von Öger Tours. Denn der Veranstalter hat inzwischen Reisen in die Karibik in sein Programm aufgenommen. Und obwohl Öger nicht Inhaber der Fluggesellschaft ist und keine Schuld an dem Absturz trägt, wird er in den Medien massiv kritisiert. „Das empfand ich schon als ungerecht.“

Doch immer wieder geht es bergauf. „Ich habe an mich geglaubt, ich habe an das Geschäft geglaubt. Ich habe nach vorn geschaut. Und es ist immer weitergegangen. 1994, 95, 97, 98 waren die besten Jahre. 2001 und 2002, 2003 waren sehr, sehr gute Jahre.“ Öger Tours ist nun der größte Reiseveranstalter für die Türkei auf dem deutschen Markt.

Auch die anderen Teile der Gruppe florieren – der Charterflugdienst Öger Türk Tur, die Majesty Hotels und die Agentur Holiday Plan in der Türkei, die für die Öger Türk Tur und Öger Tours Incomingdienste ausführt, also die Koordination von Reise- und Touristikdienstleistungen übernimmt.

Danach allerdings wird das Geschäft schwieriger. Es gibt zu viel Konkurrenz, die Gewinne schrumpfen. „Und ab 2004 veränderte sich durch das Internet die ganze Reisebürobranche dramatisch. Zudem drängten immer mehr Fluggesellschaften in den Markt, es gab ein Überangebot von Flugkontingenten. Jeder versuchte, den anderen bei den Preisen zu unterbieten, die Verdienstspanne der Veranstalter wurde geringer. Alle wollten nur noch billig, billig, billig.“

Mag sein, dass Vural Öger in diesen Jahren erstmals Zweifel an seinem Geschäftsmodell bekommen hat. Später wird er in Interviews sagen, dass ihm das große Geschäft mehr Sorge bereite als Freude, weil die Kunden immer geiziger würden und er immer höhere Vorauszahlungen an die Partnerhotels leis­ten müsse. Ständig in Angst zu leben, sein Geld nicht wiederzusehen, sei nicht angenehm.

Fakt ist: Im November 2010 verkauft Vural Öger mit Öger Tours das Herzstück seiner Gruppe an den Thomas-Cook-Konzern. Rund 30 Millionen soll er dafür bekommen haben. „Die Summe stimmt nicht ganz“, widerspricht er heute, nennt aber keine Einzelheiten. Er sei aber zufrieden gewesen. Ob der Verkauf etwas mit der Finanzkrise zu tun gehabt habe, die ja auch die Buchungen in der Touristik einbrechen ließ? Schließlich sind 30 Millionen nicht viel für einen Reiseveranstalter mit 250 bis 300 Millionen Umsatz.

„Zu diesem Zeitpunkt hatte meine Entscheidung überwiegend private Gründe“, argumentiert Öger heute: „Meine Tochter Nina sollte die Geschäfte in Deutschland weiterführen. Sie entschloss sich jedoch, in die Türkei zu gehen. Nachdem ich fast vier Jahrzehnte durchgehend gearbeitet hatte und die letzten fünf Jahre sogar sieben Tage in der Woche, fühlte ich mich auch ein biss­chen erschöpft.“ Als Mitglied des Europäischen Parlaments hatte Öger von 2004 bis 2009 seine Zeit schließlich zwischen Wirtschaft und Politik teilen müssen. Das Modewort „Burn-out“ mag er allerdings nicht verwenden. „Es war an der Zeit, etwas auszuspannen.“

Nun also das Comeback. Dass er dies schon lange im Sinn gehabt und nur die mit Thomas Cook vereinbarte dreijährige Sperrfrist abgewartet habe, dementiert Öger vehement. Seine Agentur Holiday Plan, die über 20 Jahre lang Öger Tours betreute, habe eigentlich das gesamte Incominggeschäft von Thomas Cook in der Türkei betreiben sollen. „Doch Thomas Cook entschied sich für eine andere Agentur. Und ich stand da mit Holiday Plan, 250 Mitarbeitern, aber ohne einen Veranstalter. Deshalb habe ich selbst einen neuen Veranstalter gegründet.“

Zwei Millionen Euro habe er dafür in die Hand genommen. Da ist die bewährte Strategie wieder – kein großes Risiko eingehen, langsam wachsen. „Ich wollte klein anfangen. Die Investition habe ich aus den flüssigen Mitteln getätigt, das tut mir nicht weh.“ Bisher funktioniert das. Immerhin habe V.Ö. Travel mit voraussichtlichen 90000 Passagieren und einem Umsatz von 80 Millionen im ersten Jahr des Bestehens die Erwartungen übertroffen. Selbst auf den Konkurrenzdruck durch das Internet, der ja mittlerweile noch größer geworden ist, hat der Rückkehrer heute eine Antwort. „Ich möchte mich neben unserem Kerngeschäft mit Pauschalreisen auf bestimmte Bereiche spezialisieren – Golf-, Fitness- und Wellnessreisen sowie Reisen für ältere Gäste. Dadurch sind wir weniger austauschbar.“ Vor allem aber habe er heute nicht mehr den Ehrgeiz, Millionen von Passagieren zu befördern: „Wenn ich weiterhin gute Qualität liefere und kostendeckend arbeite, bin ich sehr zufrieden. Sollte ich darüber liegen, würde ich mich natürlich freuen.“

Irgendwie ist es dann also doch sehr viel anders geworden im Leben des Unternehmers Vural Öger, der ja auch wunderbar nur von seinen Hotels leben könnte: „Öger Tours war eine Erfolgsgeschichte, eine tolle Marke, die fast 80 Prozent der Deutschen kennen. Ich habe fast alles richtig gemacht. Nun wieder neu zu beginnen, entspricht einfach meiner Natur. Ich bin kein Typ, der nur irgendwo Rosen züchtet.“

Das operative Geschäft hat er mittlerweile an seinen General Manager Selim Atas delegiert. Trotzdem glaubt er an die Notwendigkeit zumindest zeitweiliger Präsenz: „Ein Unternehmen braucht einen Kopf.“ Dieser Kopf ist heute noch vier oder fünf Stunden am Tag in seinem Büro und entwickelt neue Ideen. „Viele fragen mich, warum ich wieder angefangen habe. Ich kann dann nur sagen: Warum sollte ich nicht wieder anfangen? Ich merke, dass ich fit bin und mental wie auch physisch davon profitiere. Unternehmer zu sein füllt mein Leben aus.“                                               ®

 

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