• Dr. Günter Kast

Alles, was Wucher hat, fliegt.

thumb Wucher Take Off Hohe Munde 2011 DSC6833 1 2Helikopter. Damit ein Hubschrauber Profit macht, muss er in der Luft sein. Deshalb weitet das Vorarlberger Unternehmen Wucher seinen ­Aktionsradius immer mehr aus. Mittlerweile ist das Familienunternehmen sogar in den Bergen Georgiens angekommen.

Da steht er also, der zwei Millionen Euro teure Hubschrauber. In einem aus Metallgerüst und Plastikplanen errichteten Hangar direkt neben dem supermodernen Rooms Hotel, das georgische Investoren am oberen Rand des Ortes Stepantsminda in die Landschaft gesetzt haben.

Hier, etwa 15 Kilometer vor der Grenze zu Russland, gibt es sonst nur wenig. Verfallene Häuser, unbefes­tigte Straßen, auf denen nur Allradfahrzeuge und Pferde vorankommen, he­rumstreunende Hunde, Autowracks. Das moderne Hotel wirkt da wie ein Fremdkörper, ein Ufo. Nicht weniger exotisch mutet der Hubschrauber an. Er soll Touristen in ein Hochtal mit dem vielversprechenden Namen Powder Box fliegen. Pulverschnee ist der Schatz des Kaukasus.

„Allein schon den Helikopter hierherzubringen, war ein großes Abenteuer“, erzählt Gerhard Huber, Geschäftsführer des Vorarlberger Familienunternehmens Wucher. Mit einem Tieflader sei ein türkischer Fahrer – alle anderen hatten gekniffen – via Südosteuropa und Türkei nach Georgien gefahren. „Seitdem passen wir sehr gut auf den Hubschrauber auf“, schmunzelt Pilot und Fluglehrer Wolfgang Jäger.

Wer in einem Land, in dem der Durchschnittslohn weniger als 300 Euro im Monat beträgt, Heliskiing anbietet, sollte sich vielleicht tatsächlich mit den Einheimischen gut stellen. Jäger übt deshalb mit georgischen Polizisten manchmal Hochgebirgslandungen – gratis. Oder er nimmt die schwarz gewandeten und langbärtigen Mönche der orthodoxen Klosterkirche Gergeti auf einen kurzen Sightseeing-Flug mit.

Peacekeeping-Mission oder Lebensversicherung für den Heli – Wolfgang Jäger ist es egal, wie seine Überstunden bezeichnet werden. Hauptsache, es hilft und der Heli geht nicht „versehentlich“ in Flammen auf.

Noch vor Kurzem hätte es sich Jäger nicht träumen lassen, den Eurocopter einmal durch den wilden Kaukasus zu lenken. Dass es so kam, ist dem Vorarlberger Baupionier Hans Wucher zu verdanken, der vor mehr als 40 Jahren den ersten Hubschrauber zur kommerziellen Nutzung in Österreich gekauft hat.

Der Eigentümer einer Bauunternehmung in Ludesch hatte sich auf Projekte an schwer zugänglichen Orten, meist im Gebirge, spezialisiert. Beton und anderes Material mussten im kurzen Sommer in den Alpen auf den Berg gebracht werden: zu den Schutzhütten, zu den Liftmasten, den Lawinenverbauungen.

Um das bewerkstelligen zu können, erwarb Wucher Mitte der 1970er-Jahre einen Hubschrauber vom Typ Lama. Und weil zum Fluggerät natürlich Pilot, Techniker und Hangar gehörten, gründete der Unternehmer eine Tochterfirma – Wucher Helicopter. Im Winter transportierte er damit Skifahrer auf diejenigen Gipfel am Arlberg und in Tirol, auf denen es damals noch Landeplätzen gab, wo Heliskiing erlaubt war.

„Für die damalige Zeit waren das revolutionäre Ideen“, erinnert sich Gerhard Huber: „Österreich war schließlich nicht Kanada oder Neuseeland, wo Helis schon sehr lange und sehr häufig als Lastesel zum Einsatz kamen.“

Gründer Hans Wucher hat übrigens nie selbst einen Pilotenschein besessen, auch die Töchter haben keinen. Lediglich Gerhard Huber nimmt manchmal den Steuerknüppel selbst in die Hand. „Der Heli war und ist ein Arbeitsmittel und nicht etwa persönliches Vergnügen“, erklärt Monika Huber. „Nur manchmal durften wir mitfliegen.“

Als Hans Wucher 1995 stirbt, hinterlässt er seinen vier Kindern die Unternehmensgruppe Wucher mit rund   > 320 Mitarbeitern. Die Erben teilen die Firma auf. Jeder erhält ein Viertel.

Sohn Johannes leitet als Zimmerermeister den Holzbaubetrieb. Sohn Christian kümmert sich um die Liegenschaft des Baustoffbetriebs. Die Töchter Monika und Alexandra übernehmen Bauunternehmen und Helikopterbetrieb. Schwiegersohn Gerhard Huber, der Ehemann von Monika, wird Geschäftsführer. Weil die Baubranche zu dieser Zeit schwächelt, entscheidet sich die Familie, den Schwerpunkt auf das Fluggewerbe mit Lastentransporten zu legen. Heute ist Wucher spezialisiert auf Heli-Einsätze – alles, was Wucher hat, fliegt, lautet der Slogan. Zwölf Hubschrauber, die meisten rund zwei Millionen Euro teuer, stehen dafür bereit.

Das Geschäft erfordert zunächst hohe Investitionen. Es dauert lange, bis sich die Maschinen amortisieren. Besonders typisch für die Hubschrauberbranche sind auch die hohen Wartungskosten. Verglichen mit einem Flächenflugzeug sind sehr viele rotierende Teile vorhanden, die regelmäßig kontrolliert und ausgetauscht werden müssen.

„Diese Teile werden ersetzt, ob sie nun abgenutzt sind oder nicht“, erklärt Huber. „Denn die Laufzeiten werden vom Hersteller festgelegt und von der Behörde überprüft.“

Immerhin: Wenn die Maschinen, wie bei Wucher, gehegt und gepflegt werden, verlieren sie kaum an Wert. Neben den Wartungskosten, welche sich jährlich auf rund 15 Prozent der Anschaffungskosten belaufen, sind die Finanzierungs- und Personalkosten, die Versicherungen und die Treibstoffe die größten Aufwandspositionen. Weil das zu einem hohen Prozentsatz Fixkosten sind, gilt es, die Flotte permanent auszulasten, um diese wieder einzuspielen.

„Das ist kein natürlicher Wachstumsmarkt“, erklärt Monika Huber. „Wir müssen uns ständig neu erfinden, innovativ und kreativ sein, neue Geschäftsfelder erschließen, diversifizieren.“ Wucher bietet Sightseeing-, Foto- und Gourmetflüge sowie Flughafentransfers und VIP-Shuttles an, fliegt Bergrettungseinsätze, transportiert verletzte Skifahrer in die Klinik oder hilft bei der Waldbrandbekämpfung. Beim Großen Preis von Österreich der Formel 1 in Spielberg ist Wucher 2014 und 2015 sogar für die gesamte Koordination der Hubschrauberflüge verantwortlich. Zudem erwirbt die Firma einen „Baum-Chirurgen“: Die Helikoptersäge ist eine gute Alternative zum zeitaufwendigen und risikoreichen Ausästen von Stromleitungen und Seilbahntrassen per Hand.

Im Sommer läuft das Geschäft mit Las­tentransporten gut. Nur der Winter bleibt die ungewollt „stade“ Zeit, auf die nur 20 Prozent des Jahresumsatzes entfallen. Trotzdem müssen 50 Mitarbeiter bezahlt werden. Die Geschäftsleitung überlegt daher, ob sie nicht in anderen Teilen der Alpen, etwa in Italien oder der Schweiz, Heliskiing anbieten könnte. Doch dort ist der Markt bereits gut gesättigt.

Schließlich öffnet der Zufall Wucher im Jahr 2008 eine Tür.

Ein Georgier mit dem für seine Heimat typischen Zungenbrechernamen Vakhtang-Wato Asatashvili ist damals unter dem früheren Präsidenten Micheil Saakaschwili Vizechef der nationalen Tourismusbehörde. Saakaschwili wiederum ist ein großer Freund von Know-how-Transfer aus dem Westen. Da trifft es sich gut, dass Wato in Wien studiert hat und Deutsch spricht. Österreich, überlegt er, weise doch viele Gemeinsamkeiten mit Georgien auf: nicht besonders groß, viele Berge, viel Tourismus. Er geht auf die Tourismusmanager in Tirol und Vorarlberg zu, um gemeinsame Projekte auszuloten – und kommt so mit Gerhard Huber in Kontakt.

Doch dann durchkreuzt der Fünf-Tage-Krieg zwischen Russen und Georgiern im August 2008 die Pläne. Erst später, 2010, fliegt Huber nach Tiflis und macht sich auf den Weg in die Berge. Sein Ziel: Gudauri, Georgiens bekann­tes­ter Wintersportort.

Wer dorthin will, biegt hinter Tiflis auf die legendäre Georgische Heerstraße ab. Erstmals erwähnt wurde dieser ehemalige Karawanenweg, die kürzeste und zugleich spektakulärste Route über den großen Kaukasus, bereits vor mehr als 2000 Jahren.

Im 18. Jahrhundert, nach dem Anschluss Georgiens an das zaristische Russland, wurde die Straße für das Heer ausgebaut. Sie war die Nabelschnur, die den Nordkaukasus mit dem Orient verband. Und löste damals einen regelrechten Kaukasus-Boom aus. So wie Goethe einst über den Furkapass reiste, brachen Puschkin, Tolstoi, Tschechow, Gorki und andere Intellektuelle nun in die wilden Berge zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer auf und machten sie zu einem Ort romantischer Verklärung.

Im Jahr 2013 gründet Wucher in Tiflis Gudauri Heliskiing Ltd. Vakhtang-Wato Asatashvili ist der Mann vor Ort, der alles managt. Auch bei diesem Geschäft muss Gerhard Huber zunächst kräftig investieren, um die Infrastruktur auszubauen. Denn der Geschäftsführer, selbst begeisterter Heliskiing-Fan, kennt viele potenzielle Gäste vom Arlberg und weiß genau, was sich diese wünschen – ein professionelles Unternehmen mit hohe Sicherheitsstandards und erstklassigen Guides. Genau das kann Huber im Kaukasus bieten.

Das Gebiet ist mit rund 1300 Quadratkilometern groß genug. Zwei bis drei Hubschrauber mit je vier Gruppen pro Woche kommen sich nicht in die    > Quere, Pulverschnee und unverspurtes Gelände sind garantiert.

Nun ist Gerhard Huber natürlich nicht der Erste, der im Kaukasus sein Glück versucht. Schon seit den 1980er-Jahren zieht es Wintersportler in diese Region. Ganz am Anfang begann der Schweizer Roland Beeler mit russischen Helis und russischen Piloten. Er war der Platzhirsch in der Gegend.

Als sich Beeler zurückzog, bot im selben Hotel ein Georgier Tagestouren an. Der Schwarzwälder Bergführer Flory Kern bot hier ebenfalls schon Heli-Touren an, konzentriert sich nun aber auf die Berge in Swanetien, einer anderen Region des georgischen Kaukasus.

Heute ist Gerhard Huber der einzige Anbieter, der das Geschäft mit eigenen Hubschraubern betreibt. „Uns war von Beginn an klar, dass ein umfassendes Sicherheitskonzept oberste Priorität haben musste – zumindest für jene Stellschrauben, an denen wir selbst drehen können“, erklärt er weiter: „Erfahrene Piloten, modernste Hubschrauber, Guides mit jahrzehntelanger Erfahrung, Notfallpläne. Mit dieser Strategie ist Wucher groß geworden. Sie sollte auch in den Bergen Georgiens funktionieren.“

Im ersten Winter 2012/13 läuft es ganz gut: Der Schnee fällt üppig vom Himmel, nur mit dem Hotel in Gudauri sind die Gäste nicht so richtig glücklich. Im Vergleich zu den gemütlich-rustikalen Lodges in den kanadischen Rockies fällt die Herberge deutlich ab. Im folgenden Winter zieht Wucher deshalb weiter ostwärts – nach Stepantsminda in das moderne Rooms Hotel.

Stepantsminda liegt hinter dem legendären, 2400 Meter hohen Kreuzpass. Erdrutsche im Sommer, Lawinen im Winter – die Anreise war nie ein Sonntagsspaziergang. Selbst heute kommt es gelegentlich vor, dass die Straße gesperrt werden muss. Bis Gudauri ist die Route ordentlich ausgebaut, dahinter beginnt die Schlaglochpiste über den Pass.

„Wir haben ein Hotel gesucht, das westlichen Vorstellungen entspricht.“ Hinter dem etwas finster dreinblickenden Türsteher wartet tatsächlich ein großer Raum mit Lodge-Atmosphäre und origineller Einrichtung. Bar, Sauna und Pool ein Kasino – alles, was sich verwöhnte Heliski-Gäste wünschen könnten, ist hier vorhanden. Selbst ein „Down Day“ – ein Tag, an dem der Heli aus Witterungsgründen nicht fliegen kann – lässt sich hier ganz gut aussitzen. „Ich kann mir vorstellen, dass wir dort in etwa drei Jahren zwei Hubschrauber sehr gut auslasten können“, meint Huber.

Hinter Stepantsminda ragt der Fünftausender Kasbek auf. Pilot Wolfgang fliegt in den Windschatten der steil aufragenden Zacken, die er und sein Guide George „Dolomiten“ getauft haben. Hier finden sie das weiße Gold, auf das die Kunden so sehnsüchtig warten. Spur für Spur legt die Gruppe in die jungfräulichen Pulverschneehänge, am Nachmittag stehen 14 Runs und fast 9000 Höhenmeter in Georges Büchlein.

Für die Eigentümer von Wucher Helicopter sind das gute Nachrichten: „Wir sind sehr zufrieden, wie sich unser Abenteuer Kaukasus entwickelt hat.“ ®

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