• Dr. Ludger Wess

Wegwaisend.

Medizintechnik. Lange Entwicklungszeiten, großer Kapitalbedarf, eine komplexe Technik und eine hohe Wahrscheinlichkeit zu scheitern verhindern es oft, dass Forscher im Biotechbereich zu Unternehmern werden. Aber wer Medikamente gegen Erkrankungen entwickelt, um die sich sonst niemand kümmert, kann Zeit, Ausgaben und Risiko reduzieren. Und erhält sich doch die Chance auf den großen Blockbuster.

Ein Sturz, ein Verkehrsunfall – und dann ein Schädel-Hirn-Trauma. Durch die Schwellungen und Blutungen, die Druck auf das umliegende Gewebe ausüben, kommt es zu Funktionsausfällen und Nervenzelluntergängen. Wird hier nicht eingegriffen, drohen schwere Folgeschäden oder sogar der Tod.

„Noch immer“, erklärt Christian Wandersee, Mitgründer und Geschäftsführer der seit 1998 bestehenden Würzburger Biotechnologiefirma vaso­pharm, „gibt es für diese Hirnerkrankungen erschreckend wenige therapeutische Optionen.“

Wandersees Team hat sich vorgenommen, das zu ändern. Der Wirkstoff des Unternehmens mit der Codebezeichnung VAS203 soll das kritische Anschwellen des Gehirns verhindern.

„Als wir vasopharm gründeten“, sagt Wandersee, „hatten wir zunächst die Entwicklung von Medikamenten gegen Erkrankungen im Sinn, die vom Gefäßsystem oder vom Herzen ausgehen.“ Das allerdings ist ein weites Feld. Und viel zu ambitioniert für ein Start-up. „Uns wurde schnell klar, dass diese großen Indikationen ein Thema für die Schwergewichte der Branche sind. Wir wussten aber, dass der gleiche Wirkmechanismus bei Schädel-Hirn-Verletzungen eine Rolle spielt und dass unsere Substanzklasse sehr gut ins Hirn geht. Die ersten Tests waren sehr erfolgreich. Da haben wir uns auf diese Indikation konzentriert.“

Weil mittelschwere bis schwere Schädel-Hirn-Traumata selten sind, eröffnete dies den Unternehmern die Möglichkeit, bei der Entwicklung von VAS203 von besonderen Anreizen zu profitieren, die staatliche Stellen für die Entwicklung von Medikamenten gegen seltene Erkrankungen gewähren. Diese Arzneimittel werden als Orphan Drugs bezeichnet. Der Begriff „orphan“ – Waise – wurde gewählt, weil diese Krankheiten wegen der geringen Fallzahl nicht im Fokus der Branche stehen. Die Entwick­lung von Medikamenten ist schließlich grundsätzlich teuer und langwierig – und wenn der Markt am Ende sehr klein ist, lohnt sich der Aufwand nicht.

Um Abhilfe zu schaffen, wurden gegen Ende des 20. Jahrhunderts zunächst in den USA, dann in Japan und schließlich auch in Europa Anreize für die Erforschung, Entwicklung und Vermarktung von Produkten zur Diagnose, Prävention oder Behandlung von seltenen Krankheiten geschaffen. In Europa gilt eine Krankheit als selten, wenn nicht mehr als einer von 2000 EU-Einwohnern betroffen ist.

Insgesamt leiden in Europa rund 30 Millionen Menschen an etwa 6000 verschiedenen seltenen Erkrankungen, davon allein mehr als vier Millionen in Deutschland. Die wohl bekanntesten dieser Krankheiten sind Mukoviszidose, Bluterkrankheit und Morbus Crohn. Aber auch ein Schädel-Hirn-Trauma, das plötzlich als Folge eines Unfalls auftritt, fällt in diese Kategorie.

Zu den Fördermaßnahmen der EU gehören unter anderem ein zehnjähriges Marktexklusivrecht ab Zulassung, die kostenfreie wissenschaftliche Beratung durch die europäische Zulassungsagentur EMEA, ein beschleunigtes Zulassungsverfahren und ein 50-prozentiger Erlass der Zulassungsgebühren.

„Das war wichtig für uns“, erzählt Wandersee. Die Marktexklusivität      > hält er für das attraktivste Element im Förderprogramm. „Das ist vor allem aus der Sicht eines Pharmapartners interessant, der ja meist erst zugreift, wenn schon einige klinische Studien absolviert wurden.“

Auch Investoren lassen sich so leichter überzeugen. „Denn mit einer Marktexklusivität ist es für sie möglich, bei einem Weiterverkauf oder Börsengang höhere Bewertungen zu erzielen. Uns hat es jedenfalls geholfen, seit der Unternehmensgründung rund 25 Millionen Euro an Kapital einzuwerben.“

Mittlerweile hat VAS203 mehrere klinische Studien mit Bravour absolviert. „Die Ergebnisse der Phase-II-Studie zeigen hohe statistische Signifikanz und haben unsere Erwartungen sehr deutlich übertroffen. Das ist eine gute Ausgangsbasis für die Zulassungsstudie. Wir sind derzeit in Verhandlungen für eine weitere Finanzierungsrunde, sehen uns aber auch nach Partnern um.“

Andere Firmen positionieren sich von Anfang an gezielt als Entwickler von Orphan Drugs. Heiko Manninga, Mitgründer und Geschäftsführer des erst 2014 gestarteten Biotechnologieunternehmens Neuway, adressiert diese Nische ganz bewusst: „Wir sehen in der Entwicklung einer Orphan Drug die bes­te Chance, mit vergleichsweise geringem Aufwand ein erstes eigenes Medikament zu entwickeln.“

Der Chemiker Manninga war lange Zeit am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen Spezialist für Ribonukleinsäuren (RNA). RNA überträgt Informationen und kann zum Beispiel dafür sorgen, dass fehlerhafte Eiweiße, die Krankheiten auslösen würden, gar nicht erst im Körper gebildet werden. Das Problem: Es ist sehr schwierig, sie an ihren Wirkungsort zu bringen, ohne dass sie zerfallen.

Gemeinsam mit mehreren Kollegen erarbeitete Manninga für dieses Problem eine Lösung: ein Virus, dessen Hülle sich spontan zu einer kugelförmigen, leeren Kapsel zusammensetzt. Der so entstehende Hohlraum lässt sich leicht beladen, zum Beispiel mit RNA, und bringt die kostbare Fracht geschützt an den Wirkort im Körper.

Das Team sah durchaus das Potenzial dieser Technologie, aber eine Unternehmensgründung in Göttingen kam aus Kapitalmangel nicht voran. Dann bot die Bonner Life Science Inkubator (LSI) GmbH, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Land NRW gefördert wird, den Forschern eine Heimat. „Wir haben am LSI die Idee weiterentwickelt“, sagt Manninga. „Die Kapsel kann schließlich nicht nur mit RNA, sondern auch mit allen möglichen anderen Stoffen beladen werden – damit hätten wir dann eine breit einsetzbare Technologie, um Medikamente durch die sogenannte Blut-Hirn-Schranke zu bringen. Das ist ein ganz neuer Weg.“

Diese Schranke, eine physiologische Barriere, um das Hirn vor Krankheitserregern, bestimmten Botenstoffen und Giften zu schützen, ist für viele Wirkstoffe noch ein unüberwindbares Hindernis. Sie stellt deshalb fast alle Firmen, die Medikamente zur Behandlung von Hirn­erkrankungen entwickeln, vor große Probleme. Um die Schranke durchdringen zu können, müssen Wirkstoffe derzeit oft modifiziert oder auch sehr hoch dosiert werden. Dann geht entweder die Wirksamkeit verloren oder es drohen schwere Nebenwirkungen. „Unser Virus kann durch die Blut-Hirn-Schranke schlüpfen. Wir bauen also die Hülle nach und füllen sie mit Medikamenten. Das Ergebnis ist eine Fähre, die wie ein trojanisches Pferd Wirkstoffe ins Hirn bringt. Das Paket wird unbeschadet abgeliefert, die Voraussetzung für eine mögliche Therapie ist geschaffen.“

Das vielfältige Potenzial begeisterte das Team. Was ließe sich alles daraus machen? „Die einfachste Möglichkeit wäre natürlich, die Technologie Pharmaunternehmen gegen eine Lizenzgebühr zur Verfügung zu stellen“, erläutert Manninga. „Der Bedarf ist immens, denn die Liste der Wirkstoffe, die an der Blut-Hirn-Schranke scheitern, ist lang. Kommerziell weitaus attraktiver ist es aber, eigene Produkte zu entwickeln, möglichst bis zur letzten Phase der klinischen Entwicklung.“ Mit einem Phase-III-Medikament lassen sich schließlich die höchsten Preise erzielen.

Das Problem: „Ein Medikament zur Behandlung von Alzheimer oder Depressionen, das an Tausenden Patienten getestet werden müsste, würde ganz klar unsere Möglichkeiten überschreiten.“ Also entschied Manninga, eine Orphan Drug zu entwickeln – statt nach dem Jackpot zu greifen und die Entwicklung eines Blockbusters anzustreben, eines Medikaments mit Milliarden-Umsatzpotenzial.

Neben der Marktexklusivität und den geringeren Gebühren sieht Manninga weitere Vorteile. „Es gibt durchaus Indikationen, bei denen die Studien schon wegen der geringen Patientenanzahlen sehr viel kleiner sind. Das spart Kosten bei Planung und Durchführung. Auch die Rekrutierung von Patienten für die Studien kann einfacher sein: Bei manchen Hirnerkrankungen gibt es für Betroffene nur wenige Spezialkliniken. Hinzu kommt, dass diese Patienten und ihre Angehörigen meist überdurchschnittlich gut in Selbsthilfegruppen organisiert sind.“

Daten und Strategie überzeugten jetzt auch Investoren. Mit einer Finanzspritze von 2,7 Millionen Euro und dem Ven­ture-Capitalisten Wellington Partners als Lead Investor wurde das Projekt im Mai 2014 als Neuway Pharma GmbH aus dem LSI ausgegründet.

Es gibt also gute Gründe für angehende Unternehmer, auf Orphan Drugs zu setzen. In Europa machen sich mittlerweile fast alle Biotech- oder Pharmaunternehmen die Orphan-Regelung in verschiedensten Bereichen zunutze. Mehr als 1000 Arzneimittelkandidaten haben inzwischen den begehrten Status zuerkannt bekommen.

Besonders lukrativ dabei ist: Ein solches Medikament kann sich nach einer Zulassung zu einer Art Sprungbrett für Unternehmer und Investoren entwi­ckeln. Denn später lassen sich oft – etwa bei Medikamenten gegen seltene Krebsarten oder Stoffwechselerkrankungen – die Indikationsgebiete für das Medikament erweitern.

Diese Perspektive haben natürlich auch Manninga und Wandersee. Beide bearbeiten Wirkprinzipien, die nicht nur bei Nischenindikationen von Bedeutung sind. Überzeugen ihre Technologien und Produkte in der Nische, sind später auch Anwendungen bei großen Indikationen denkbar. Neuway könnte helfen, verbreitete neurologische Erkrankungen zu heilen, vasopharm könnte den Markt für andere Erkrankungen des zentralen Nervensystems erobern.

Dann würde aus einer ehemaligen Orphan Drug ein Blockbuster und aus einem kleinen Start-up ein großes Biotechunternehmen. Unrealistisch ist dies nicht. Auf der Liste der 25 weltweit größten Biotechnologieunternehmen stehen aktuell allein sieben Spezialisten für seltene Erkrankungen. Und auch in Europa haben schon zwei Firmen vorgemacht, wie das geht. Shire Biopharmaceuticals und Actelion fingen klein an und zählen inzwischen mit Börsenwerten von 35 und 9,5 Milliarden Euro zu den ganz Großen der Branche.             ®