• Dr. Günter Kast

Reset.

TilmannHeldNeuanfang. Tilman Held, 42, war Modeunternehmer in dritter Generation. Doch die Nachfolge, die er seinen Eltern schuldig zu sein glaubte, machte den begeisterten Sportler nicht glücklich. Heute designt er außergewöhnliche Reisen und schickt seine Gäste mit Ex-Profis wie Skifahrer Frank Wörndl auf Tour.

Tilman Held schwingt ab, der Pulverschnee staubt, die Sonne lacht von einem wolkenlosen Dolomiten-Himmel. Seine Augen strahlen, als er die Skier vor Willy’s Vinoteca oberhalb des Nobelskiorts Corvara in Alta Badia abstellt und seine Truppe in die urige Hütte hereinwinkt, die nur Insider kennen.

Gleich wird Willy seinen besten Amarone entkorken, dampfende Spinatknödel auf den Tisch stellen, später butterzartes Nebraska Beef, hinterher selbst gebrannten Grappa. Genau so haben sich Helds Gäste, mittelständische Unternehmer, eine Gourmet-Skisafari vorgestellt.

In den vergangenen zweieinhalb Jahren hat der Zwei-Meter-Mann viele derart ungewöhnliche Herbergen aufgespürt: Berghütten mit Gourmetküche, abgelegene Resorts, luxuriöse Zeltcamps. Er hat diese Hideaways durch Aktivitäten – Skifahren, Trekking, Radfahren – miteinander verknüpft und auf diese Weise außergewöhnliche Reisen entwickelt, die in keinem Katalog zu kaufen sind. Vor allem aber hat er so den Spaß am Leben neu entdeckt: „Ich weiß jetzt wieder, warum ich jeden Tag aufstehe.“

Das war lange Zeit nicht so. Denn eigentlich war der Lebensentwurf des Tilman Held ganz anders programmiert. Großmutter Ernestine Held hatte 1953 im oberfränkischen Münchberg mit 5000 Mark Startkapital, acht Mitarbeitern und fünf gebrauchten Nähmaschinen eine Textilfirma gegründet. Bedruckte Kleider von Frankenwälder waren Anfang der 1960er-Jahre dank des von ihr eingeführten Flachdruckverfahrens ein Verkaufsschlager.

Um die Jahrtausendwende machte die inzwischen von Tilmans Eltern geführte Firma mehr als 100 Millionen Umsatz pro Jahr. Er selbst bereitete sich mit Management-Studium und Lehrjahren bei Ralph Lauren in New York auf die Nachfolge vor. Seine Aufgabe, so der Plan der Eltern, werde es sein, die Balance zwischen Tradition und Moderne zu finden. „Meine Eltern sind Unternehmer mit Leib und Seele“, erzählt Held. „Meine Mutter wechselte zum Beispiel kein einziges Mal meine Windeln, das interessierte sie einfach nicht. Wer so aufwächst, fühlt sich dem Familienunternehmen ohne Wenn und Aber verpflichtet. Es war immer klar, dass ich die Firma übernehmen würde.“

Als Held 2005 das Ruder in der Hand hält, sind die besten Zeiten der Textilwirtschaft in Deutschland jedoch vorbei: „Wir waren fast so etwas wie der letzte Mohikaner.“ Um internationales Flair in das oberfränkische Familienunternehmen zu bringen, ändert er den etablierten Markennamen: Aus Frankenwälder macht er Frank Walder. Gleichzeitig versucht er, mit jungen, frischen Kollektionen neue Märkte und Kundengruppen zu erschließen. Doch der Vater hat Bedenken, ob die neue Strategie aufgeht und nicht nur die langjährigen Kunden verprellt. Die Mutter, inzwischen jenseits der 80, besteht darauf, die Kollektion weiter zu verantworten – und setzt auf Frauenmode für die „wertorientierte Dame“. Die Eltern, das zeigt sich schnell, können nicht loslassen.

Held will es allen recht machen: den Eltern, den alteingesessenen Kunden, der neuen Zielgruppe, den Mitarbeitern. „Das waren vier Jahre Dauerspagat. Ich habe von nichts anderem mehr geträumt.“ Bei Tisch wird nur noch über Mode geredet. Er muss schwierige Entscheidungen treffen, Mitarbeiter entlassen. Held, mittlerweile selbst Vater, versucht verzweifelt, die vielen Bälle in der Luft zu halten: Märkte in Asien erobern, für die neugeborenen Zwillinge da sein, den Umbau des Hauses managen.

2011 teilt ihm sein Körper mit, dass er auf diesen Raubbau keine Lust mehr hat: Burn-out, ein Jahr lang Tabletten. Held scheint das Problem in den Griff zu bekommen. Dann der Rückfall. Seine Frau Silke macht ihm klar: Ein drittes Mal darf das nicht passieren. Gemeinsam ziehen sie die Notbremse.

Tilmann Held steigt aus. Ganz. Seine Schwester Carolin wird alleinige Geschäftsführerin. „Ich bin in ein ganz tiefes Loch gefallen“, räumt er ein. Und die Eltern? „Die sahen doch, wie es mir ging. Es war klar, dass ich kein guter Firmenlenker mehr war. Ich traf Entscheidungen nur noch zögerlich, mutlos.“

Seine Schwester macht eine modische Rückwärtsrolle. Er sagt: „Das ist nicht alles von Erfolg gekrönt. Aber: Ich bin raus.“ Okay, ganz raus ist er nicht. Er ist sogar nach wie vor alleiniger Gesellschafter, lediglich sein Vater besitzt einen Minderheitenanteil: „Alles an meine Schwester zu überschreiben, wäre steuerrechtlich ein Desaster.“ Im Moment wisse er auch gar nicht, wie es Frank Walder gehe. „Ich habe seit drei Jahren keine Bilanz mehr angeschaut. Das ist Teil meiner Therapie.“

Kann so eine ungewöhnliche Konstellation funktionieren? Zuerst einmal stellt Held klar, dass er finanziell auf eigenen Beinen steht: „Ich bin nicht abhängig von Frank Walder. Ich habe in meinen Jahren als Geschäftsführer sehr gut verdient und kann es mir leisten, von meinen Reserven zu leben.“ Mit seiner Schwester und seinen Eltern gebe es zudem klare Absprachen. Erstens: Seit seinem „Ausstieg zur Unzeit“ hat er keinen Cent aus der Firma entnommen und wird das auch in Zukunft so halten. Zweitens: Er möchte rechtzeitig informiert werden, sollte Frank Walder einmal in eine Schieflage geraten. „Solche Absprachen“, räumt Held ein, „gehen natürlich nur, weil wir innerhalb der Familie ein extrem gutes Verhältnis haben und einander blind vertrauen.“

Im April 2011 verlässt Tilman Held das Hamsterrad. Und es fühlt sich gut an: „Es war auch eine Entscheidung für meine Kinder, meine Frau. Ich wüsste nicht, ob Silke sonst noch bei mir wäre.“ Er nimmt sich vor, seine Kinder bewusst anders zu erziehen: „Ich bin groß geworden mit: Gibt’s nicht? Gibt’s nicht! Du opferst viele Dinge, wenn du so konditioniert bist.“

Mit seinem ältesten Sohn reist er in diesem Sommer 2011 durch die Berge Colorados. Er will Abstand gewinnen, weg sein von allem, den Kopf frei bekommen beim Sport, den er immer geliebt, für den er aber zuletzt so wenig Zeit gehabt hat.

Weg sein von allem? Könnte das nicht ein Thema sein, das auch andere begeistert? Wie wäre es, einsame und schöne Lodges mit einem Multisport- und Action-Paket zu verbinden? Eine Art Reisemanufaktur zu gründen – alles sehr persönlich, maßgeschneidert, authentisch, anspruchsvoll? Held weiß natürlich, dass er nicht der Erste ist, der diese Idee hat. Veranstalter, die das obere Preissegment bedienen wollen, gibt es Dutzende. In diesem Moment ist ihm das allerdings egal. Wichtiger ist: Er hat wieder Spaß am Leben, eine Aufgabe. Und bald schon einen Namen für sein neues unternehmerisches Engagement: Away from it all.

Tilman Held möchte nicht nur Designer und Verkäufer solcher Reisen sein, sondern ein richtiger Gastgeber. Einer, der selbst mitreist – zumindest einige Tage lang. Der darauf achtet, dass die Kunden zusammenpassen. Auch inhaltlich. Dass sie Themen haben, über die alle gern sprechen. Deshalb bereitet er sich penibel auf seine Gäste vor, recherchiert deren Background. „Viele stammen aus mittelständischen Firmen, von sogenannten Hidden Champions.“

Kurz nach dem Startschuss für Away from it all sitzen Silke und Tilman Held mit zwei Freunden zusammen – Tanja Valérien, Tochter des legendären Sportreporters Harry Valérien, und deren Ehemann, dem Extremkletterer Stefan Glowacz. Sie sprechen dabei auch über Helds neue Berufung. „Ich hatte die Idee, prominente Ex-Profisportler zu den Ski-Safaris zu bitten, um meinen Gästen ein ganz besonderes Erlebnis zu bieten. Aber ich wusste nicht, wie ich an sie herankommen könnte“, erzählt Held. „Tanja sagte: ,Ich schon.‘ Das hat mir natürlich sehr geholfen.“

Tatsächlich war Tilmans erste Reise – sie führt ins Aostatal – gleich ein „Away with the Champs“-Trip mit der Olympia-Siegerin Marina Kiel. Später kam Slalom-Weltmeister Frank Wörndl dazu, demnächst werden wohl auch Markus Wasmeier und Hilde Gerg zu buchen sein. Held findet es faszinierend, dass jeder „Champ“ auf diesen Reisen seine eigene Persönlichkeit offenbare. Frank Wörndl sei mehr der Spaßmacher und Entertainer am Abend, weniger der geduldige Skilehrer: „Er erklärt etwas einmal, aber nicht fünfmal.“ Marina Kiel dagegen sei die perfekte Pädagogin: „Sie hat einer nervösen Kundin komplett die Angst vor der ersten Heliski-Abfahrt genommen.“

Angespornt von solchen Erfolgen, überlegt Held: Was im Winter geht, geht auch in der warmen Jahreszeit. Im Sommer 2013 können seine Gäste erstmals eine 13000 Euro teure Rad- und Abenteuerreise mit Jan Ullrich in die USA buchen.

Eine Woche vor dem Abflug gibt dieser dann ein Interview, in dem er einräumt, Kunde des Dopingarztes Fuentes gewesen zu sein. „Der PR-Effekt verpuffte oder verkehrte sich sogar ins Gegenteil“, gibt Held zu. Und dennoch: Im Sommer 2014 kommt die Reise erneut zustande. Sechs Kunden haben sich angemeldet und seien „äußerst angetan vom bescheidenen und angenehmen Auftreten ihres Idols Jan Ullrich gewesen“.

Wirklich neu ist die Geschäftsidee, prominente Sportler in Reisen zu integrieren, natürlich nicht. Die „Zeit“ wandert mit Reinhold Messner. Rosi Mittermaier und Christian Neureuther begleiten Heliski-Reisen. Der Tour-de-France-Profi André Greipel tritt mit Gästen an der Algarve in die Pedale, der Mountainbike-Star Karl Platt macht selbiges am Gardasee. Als Neuling in der Branche ist es für Held da nicht immer einfach, eine eigene Duftmarke zu setzen und Locations, Hotels und Events ausfindig zu machen, die sonst niemand im Angebot hat.

Immerhin hat seine Firma seit der Gründung 2012 etwa 40 Reisen durchgeführt, einzelne Hotelbuchungen nicht mitgezählt. Mit seinen vier bis fünf Dutzend Kunden setzte er 2013 rund eine halbe Million Euro um – sein neues Baby ist so mittlerweile kein Zuschussgeschäft mehr. Im zu Ende gehenden Geschäftsjahr 2014 will er den Umsatz abermals verdoppelt haben.

„Ich habe allerdings kein konkretes Umsatzziel“, erklärt Held. „Ich möchte Menschen aus dem Alltag entführen. Sie mitnehmen an Orte, wo sie sich physisch anstrengen müssen und wo sie sonst nicht hinkämen. Erholung entsteht durch Aktivität. Und zwar genau dann, wenn der Einzelne nicht mehr an das denkt, was ihn 50 Wochen im Jahr beschäftigt.“ Seien die Gäste zu­frieden, käme das mit dem Wachstum von ganz allein. „Ich setze da auf Mund­pro­paganda.“ Familienunternehmer melden sich bei ihm, nennen ihren Wunschtermin und welchen Sport sie machen wollen. Den Rest organisiert Tilman Held.

Auf „Events“, zu denen ihn seine PR-Agentur nur zu gern schicken würde, ist Held deshalb auch nur sehr selten zu sehen. Viel lieber ist er in der Welt unterwegs, um neue Touren zu erkunden und Hotels oder Lodges unter die Lupe zu nehmen. Juwelen wie das Rifugio Fuciade, zu dem er seine kleine Reisegruppe heute führt. Die urige Hütte mit dem großen Weinkeller ist ein Geheimtipp für Gourmets und wirbt mit dem verheißungsvollen Spruch: „Hunger ist der beste Koch – aber nicht im Rifugio Fuciade.“

Am Passo San Pellegrino wartet bereits eine Schneeraupe, um die Skifahrer nach oben zu fahren. Dort beobachten alle andächtig, wie die Sonne hinter den Dolomitengipfeln untergeht. Niemand spricht, alle genießen es, weit weg vom Trubel des Skizirkus zu sein. Ohne Netz­empfang. In Zimmern ohne Fern­seher. In einer Herberge ohne Wellness-Oase. Away from it all.

Langsam, ganz langsam, scheint diese Therapie auch bei Tilman Held selbst Erfolg zu haben. Denn mittlerweile hat er sich der Modebranche wieder genähert. Zumindest ein kleines bisschen. Schon während seiner Zeit in New York war ihm dort das Label Eileen Fisher aufgefallen: „Die sind so ganz anders, setzen auf Eco-Designs, die aber gleichzeitig sehr chic und stylish sind. Auf diesem Gebiet sind sie konkurrenzlos und sehr erfolgreich. Ich ahnte schon damals: Das wird kommen, der Eco-Look wird gesellschaftsfähig.“

Nach seinem Ausstieg bei Frank Walder hatte er der Eileen-Fisher-Führung deshalb angeboten, deren Vertrieb in Deutschland aufzubauen. Standardbrief, negative Antwort. Im Mai 2013 klingelt dann überraschend das Telefon. Seitdem ist er Berater, bahnt Kontakte zu Händlern an, hilft bei der Personalsuche, macht Öffentlichkeitsarbeit und Marketing. „Das ist in den vergangenen Monaten deutlich mehr geworden“, sagt Held. „Die wollen mich für rund 100 Tage im Jahr. Das ist okay, weil die meis­ten meiner Reisen im Winter stattfinden. Der Split ein Drittel zu zwei Drittel ist optimal.“

Inzwischen hat ihm Eileen Fisher angeboten, auch ins operative Geschäft einzusteigen. Tilman Held sagt dazu nur einen ebenso knappen wie präzisen Satz: „Ich werd’s nicht machen.“

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