• Jennifer Bligh

Gelingt garantiert.

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Aufmacher Oetker

Dank cleverer Vermarktung von Zehn-Pfennig-Backpulvertütchen und früher Diversifikation wurde aus der Apotheke von August Oetker in 130 Jahren eines der größten deutschen Unternehmen. Nachdem die Oetker-Gruppe im Sommer 2021 aufgespalten wurde, ist deren Zukunft offen.

Das Jahr 1891 verspricht gut zu werden. Zum 1. Januar übernimmt der 29-jährige Apotheker Dr. August Oetker die „Aschoff’sche Apotheke“ in der Bielefelder Niedernstraße 3. Das Geld dafür hat er sich von seiner Schwiegermutter und der Bank geliehen. Ehefrau Karoline hält dem studierten Naturwissenschaftler und Sohn eines Bäckermeisters den Rücken frei und kümmert sich um den zweijährigen Sohn Rudolf. August Oetker verspricht, „einen jeden, welcher mein Offizin mit seinem Vertrauen beehrt, auf das Beste zu bedienen“. Seine ersten eigenen Rezepturen sind eine Fußcreme und eine Warzentinktur.

Statt an weiteren Arzneien tüftelt Oetker im Anbau der Apotheke jedoch fortan an einer anderen Zutat herum. Sein in Amerika lebender Cousin Louis Dohme hat ihm von „Professor Horsford’s Phosphatic Baking Powder“ berichtet. Das weiße Puder sei ein geschmacksneutrales Backmittel, mit dem Kuchenteige garantiert aufgehen würden – ein Standard in amerikanischen Großbäckereien. Wäre das nicht auch etwas für jede Hausfrau in Deutschland? Das herrlich verlässliche Gefühl, dass beim Backen alles garantiert gelingt.

Oetker experimentiert in der nahe gelegenen Bäckerei Müller in der Obernstraße. Das Ergebnis füllt er in kleine Papiertütchen mit den Maßen 9,6 cm mal 5,4 cm. Jede Tüte wiegt 20 Gramm. Das ist exakt die Menge Backpulver, die für 500 Gramm Mehl benötigt wird. 1893 kommt „Backin“ mit „Gelingsicherheit“ auf den Markt. Das neue Backpulver verkauft sich wie warme Brötchen – für zehn Pfennig, einem Preis, der die kommenden 70 Jahre beibehalten wird.

In den nächsten Jahren bleibt Oetker bei weißen Pulvern. 1894 kommen portionierter Vanillinzucker und Puddingpulver dazu, 1898 die Speisestärke „Gustin“. Am 21. September 1903 sichert sich Oetker die Marke „Backin“ „als Verfahren zur Herstellung von dauerhaftem Backpulver oder backfertigem Mehl“ unter der Patentschrift Nummer 144 289.

Im Jahr 1906 verkauft Dr. Oetker das 24-millionste Tütchen Backpulver. Längst hat er da das Apothekengeschäft hinter sich gelassen, ist mit seiner „Fabrik für chemische Präparate für Küche und Haushalt, Dr. A. Oetker“ samt 200 Mitarbeitenden in größere Räume umgezogen. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg kümmern sich 350 Angestellte um eine Jahresproduktion von 108 Millionen Einheiten. Eduard und Louis, zwei seiner neun Geschwister, sind als Abteilungsleiter mit an Bord des Familienunternehmens.

Während des Kriegs steigert Oetker den Absatz weiter. Einerseits durch Lieferungen an die Armee, aber vor allem durch den Aufruf: „Deutsche Hausfrauen! Kauft von jetzt ab nur noch deutsches Gustin statt des bisher vielfach verwendeten englischen Fabrikates Mondamin!“

Als Sohn Rudolf, der designierte Nachfolger, im Ersten Weltkrieg fällt, verliert August Oetker jedoch den Lebensmut. Neuer Mann der verwitweten Schwiegertochter Ida wird Richard Kaselowsky. Dieser akzeptiert die Vaterrolle für den neugeborenen Richard-August und steigt in das Familienunternehmen ein. Erfolgreich übernimmt er die Zügel, als August Oetker am 10. Januar 1918 an einem Schlaganfall stirbt. Ab 1944 leitet dann der Enkel den Konzern. Er strukturiert diesen neu in vier Bereiche: Nahrungsmittel; Bier, Sekt, Wein und alkoholfreie Getränke; Chemie; Hotellerie und Finanzen. Rudolf-August leitet die so aufgestellte Oetker-Gruppe bis 1981.

An Nachfolgern mangelt es diesmal nicht. Als Rudolf-August 2007 stirbt, hinterlässt er acht Kinder aus drei Ehen. Doch die haben ganz unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft des Unternehmens. Ein jahrelanger Streit endet im Sommer 2021 mit der Aufteilung des Konzerns mit rund 37000 Beschäftigen und 7,3 Milliarden Euro Umsatz. Die fünf ältesten Kinder übernehmen die Lebensmittelsparte, die drei jüngsten Kinder die Bereiche Sekt, Wein, Spirituosen und die mittlerweile aufgebaute Kunstsammlung.

Für ihren Wohlstand hat August Oetker vor 130 Jahren die Grundlage geschaffen – und zwar so, wie er es unter Punkt 7 in seinen Unternehmensgeboten aus dem Jahr 1908 schreibt: „Meist genügt eine gute Idee, und der Mann ist gemacht.“ ®

Autorin: Jennifer Holleis

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